Wenn ich alt bin. Frauen und Geld

Ich habe einen Plan. Für wenn ich alt bin. Seit vielen Jahren schon habe ich diesen Plan gemacht, gemeinsam mit einer Freundin: Wenn wir alt sind, ziehen wir zusammen. Wir machen eine Alters-WG. Wir sitzen dann zusammen auf einem Sofa.

Es gibt viele gute Gründe für diesen Plan: Wahrscheinlich werden wir keine üppigen Renten haben. Denn wir arbeiten nicht nur für Geld und nicht nur in lukrativen Berufen. Der vielleicht wichtigste Grund aber ist: Wir wollen wir nicht alleine sein. 

Unsere Partner sind dann vielleicht schon gestorben. Oder wir haben keine. Oder die wollen irgendwie anders leben als wir. Unsere Kinder sind vielleicht ausgewandert. Was auch immer. Wer weiß was wird.

Es ist gut, so ein Bild zu haben, finde ich. Einen Entwurf, wie man es guthaben kann, wenn man alt ist. Natürlich kann auch alles ganz anders werden, dennoch hilft mir dieses Bild. Wie wir auf dem Sofa sitzen und genüsslich Tee trinkend reden oder schweigen, statt wie jetzt lange Dialoge über Sprachnachrichten zu führen. 

Frauen und Rente. Frauen und Altersarmut. Es gibt jede Menge Artikel zurzeit, über die katastrophale finanzielle Lage der Frauen. Und allerlei Initiativen und Finanzbildungsmaßnahmen, die Frauen auf die Sprünge helfen. Und ja, das ist wichtig und großartig, und auch mir hat das nochmals auf die Sprünge geholfen, anders über Geld nachzudenken. Ja, auch ich finde jede Frau sollte im Alter gut versorgt sein und finanziell unabhängig und ich kümmere mich darum.

Aber eines will ich anmerken: Geld ist nicht alles. Auch wenn wir in einer Welt leben, in der Geld fast alles ist. Weil wir es dazu machen. Weil wir unseren Wert darüber definieren. Wir haben Beziehungen durch Geld ersetzt. Wir haben Sicherheit durch Geld ersetzt. Aber ein Gefühl von Sicherheit kann auch anders entstehen. Zumal es letztendlich Sicherheit in diesem Leben immer nur in begrenztem Maße geben kann. 

Frauen wie ich und meine Freundin, die sich entscheiden, nicht nur für Geld zu arbeiten, hüten einen Wert. Wir hüten, jede für sich, einen Wert, den wir als wichtiger erachten als Geld. Wir wollen Zeit für Beziehung. Zeit für Gestaltung. Zeit fürs Lernen und Forschen und tiefer eindringen in die Geheimnisse des Lebens. Wir brauchen dafür Zeit. Wir priorisieren diese Zeit. Wir stecken an anderer Stelle zurück. Ich weiß, dass das ein Privileg ist. UND es ist auch ein Ergebnis von Reflexion.

Wir haben, als Gesellschaft, an sehr vielen Stellen Beziehung durch Geld ersetzt. Auch deshalb ist es so wichtig, was auf dem Rentenzettel steht. Weil wir so vereinzelt und abgekapselt leben. Weil wir lieber in Rentenversicherungen investieren, als in Beziehungen. 

Aber wir können Geld wieder durch Beziehungen ersetzen. 

Ja, auch ich werde froh sein, wenn ich im Alter genug Geld habe. Und auch ich wehre mich dagegen, wegen meines Geschlechts benachteiligt zu werden. 

Aber ich möchte, wenn ich alt bin, nicht alleine in einem Haus sitzen, selbst wenn es mir gehört. Ich möchte nicht alleine essen, selbst wenn ich es mir leisten kann, ein gutes Essen geliefert zu bekommen. Ich möchte nicht alleine sein. Viel lieber möchte ich in vielfältigen Beziehungsnetzen eingebunden sein, die auch noch tragen, wenn ich gebrechlich werde. Und diese Netze gehen weit über die Grenzen der üblichen Kleinfamilie hinaus. Diese Beziehungen kann man nicht kaufen. 

Wenn ich also heute ans Alter denke, dann möchte ich nicht nur in Aktien investieren, sondern vor allem auch in Beziehungen. In Gemeinschaft. 

Vielleicht werden wir eine Generation von Frauen sein, die arm ist. Ja. Aber vielleicht werden wir reich sein an Beziehungen. Vielleicht werden wir die Generation von Frauen sein, die zeigt, dass Leben in Verbundenheit glücklich macht. Das wir uns gegenseitig unterstützen können. Dass wir als Rentnerinnen für unser Glück nicht unbedingt  Geld für Fernreisen brauchen, sondern eher einen Garten, in dem wir Kinder spielen sehen, aus dem wir Erdbeeren und Brennnesseln pflücken können und in die Wolken schauen. Ein Garten, in dem außer uns noch andere Menschen sind.  

Vielleicht werden wir die Generation von Frauen sein, die nicht einsam ist. Und die, die Reichtum neu definiert.

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