Kali

Kali, du Rästelhafte, Mysteriöse, Furchteinflößende. Zerstörerin, Schöpferin, Erneuerin. Keine andere Göttin in Indien hat mich so sehr fasziniert, keine anderen Tempel als deine fielen mir immer und überall ins Auge.

Kali, die Göttin des Todes, die Dunkle, die alte, überholte Ordnungen zerstört, die auf so vielen Bildern aussieht wie wahnsinnig, die ihre Augen aufreißt, ihre Zunge herausstreckt. Kali, die Segensreiche, Schöpferische mit ihren starken Kräften. In Indien zu sein fühlt sich im Grund oftmals so an, als würde man in Kalis Armen liegen, von ihr verschlungen, gesegnet, vernichtet und irgendwann, an einem staubigen Straßenrand eines Dorfes oder einer Megacity wieder ausgespuckt, zerstört und neu geboren, mit verdrehten Knochen, die nun erst wieder in die richtige Reihenfolge gebracht und in den Gliedern neu verteilt werden müssen. 

Ein kleiner Kali-Tempel lag an der großen Straße, die zum Tor unseres Campus führte. Wann immer wir also in die Stadt fuhren, fuhren wir an ihm vorbei. Wenn es abends schon spät war, lagen rund um die Tempel Menschen in Decken gehüllt auf dem Boden und schliefen, links und rechts brannten manchmal noch Feuer, auf denen diese Menschen, die so wenig hatten, sich ihr Essen bereitet hatten. Ein größerer Kali-Tempel liegt auf dem Weg von Pondycherry nach Auroville, diesem Ort mit der roten Erde, der mir der liebste in Indien ist. Und einen weiteren kleinen Kali-Tempel erinnere ich, leuchtend rot gestrichen, in einem winzigen Dorf in Nordindien, durch das wir auf einem Streifzug gerieten. Unser Mädchen war noch ein Baby, die Dorfbewohner scharten sich um uns, die Männer sprachen mit uns und ich erinnere diese Frau im Hintergrund, die nur langsam näher kam, sich das Tuch über den Kopf zog und nicht wagte mit uns zu sprechen, und die so schön war, dass es schon weh tat, sie anzusehen, die diese Anmut indischer Frauen in sich trug, die ich niemals mehr vergessen werde, in deren Auge nichts ist als Hingabe und Ewigkeit, Demut und Wissen.

Indien ist so viel Abgrund, ist so viel Kali, hat so viel schreckliches, und furchterregendes, und doch ist da dieser Boden, der so getränkt scheint mit so viel Heiligkeit, der Boden auf dem so viele Religionen entstanden. Wenn ich dieses Kali-Mantra höre, dann sehe ich sie wieder, die Kali-Bilder, die kleinen Tempel das Rohe, Sinnliche der Rituale, dann kann ich Indien fühlen und das, was es so einzigartig macht und die Spuren, die es auf so rätselhafte Weise  in mir hinterließ, als hätte Kali rätselhafte Zeichen hinterlassen auf meinen Knochen, die ich seither zu entschlüsseln versuche, als hätte Kali sie eingefärbt mit ihrer roten Farbe, mit ihrer verstörenden Kraft, die sich nicht verstehen lässt, nur fühlen. Kali, das ist Schaudern, Zittern, Erschütterung, Kraft und vernichtende Wut, Wehrhaftigkeit und Aufstand, Rausch. Kali ist Leben und Tod, aufgefädelt an ein und derselben Kette, die sie, die Ewige, um ihren Hals trägt und lacht, so laut lacht, dass die Felsen auf allen Erden springen und reißen, brechen und zu Staub zerfallen. So laut, so laut.  

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