Warum wir gegangen sind II. Und was von Indien bliebt.

Könntest Du Dir vorstellen, für immer in Indien zu leben, fragt S. mich auf einem Spaziergang. 

Kannst Du Dir vorstellen, für immer in Deutschland zu leben, frage ich zurück.

Das ist keine Frage, antwortet S. Das ist längst entschieden. Denn S. kommt aus Indien, hat aber eine deutsche Partnerin und lebt seit über 10 Jahren in Deutschland. 

Wir hingegen waren ja beide Fremde in Indien. Dass wir zurückgekommen sind, lag aber eher an mir als an meinem Mann. Und  auch daran, dass ich eine Frau bin. 

Nein, antworte ich S. also auf seine Frage. Nein, ich kann es mir nicht vorstellen. Dazu fühlte ich mich als Frau zu sehr eingeschränkt. 

Und tatsächlich war das, neben der zunehmenden Belastung durch die Umweltverschmutzung, einer der wesentlichen Gründe. Wenn ich mich jetzt daran erinnere, fällt es mir gar nicht so leicht, diese Einschränkung so genau zu fassen. Sofort fällt mir ein, was Katharina Kakar mir erzählt (und wenn ich es richtig erinnere, auch in ihrem Buch Frauen in Indien beschrieben hat): dass es in Indien nicht dieselbe gläserne Decke gibt. Dass Frauen also leichter in Führungspositionen kommen. Das liegt auch daran, dass Mütter der Mittel- und Oberschicht mehr Unterstützung haben im Haus durch Maid und Nanny. Es gibt sehr viele sehr kraftvolle Frauen in Indien, die erstaunliches bewegen. 

Außerdem fallen mir die jungen Männer aus unserer Tango Community ein. Ihre freundliche und zurückhaltende Art. Ich weiß, dass sie immer ihr Möglichstes getan hätten, wenn ich in irgendeine Gefahr geraten wäre. Sie sahen es mit als ihre Aufgabe an, dass es mir gut ging. 

Wie also sieht die Einschränkung aus? Warum es kompliziert ist, einen Bikini zu tragen, habe ich schon mal beschrieben. Aber natürlich geht es noch weiter. Eine Schwierigkeit liegt darin, dass ich Gefahren schlecht einschätzen kann. Beim Tango ist ein kurzer Rock kein Problem. Auf offener Straße schon eher. Ich hatte eine (westliche) Freundin, die auch in Indien grundsätzlich Shorts trug. Sie hat in einem Jahr nur einmal eine wirklich unangenehme Erfahrung gemacht, in der sie Angst bekam. Ich selbst aber hätte mich mit sehr viel unwohler und unsicherer gefühlt. Mir genügten oft schon die Blicke, selbst wenn ich lange Hosen und Ärmel trug. Ich kenne diese Blicke allerdings auch aus anderen Ländern. 

Aber Kleidung alleine ist es natürlich auch nicht. Es ist das Gefühl, in Auroville abends nicht alleine mit dem Motorroller nach Hause fahren zu können. Es ist das Gefühl, zum Abendessen beim Kollegen meines Mannes eingeladen zu sein und von ihm im Gespräch ignoriert zu werden. Es ist das Gefühl, nur wenige Männer einfach umarmen zu können, zu berühren – tatsächlich kann ich mich nicht erinnern das außerhalb unserer Tango Community getan zu haben. Da sind die vielen Übergriffe, von denen mir andere Frauen erzählen. Da sind die Grenzüberschreitungen, mit denen wir auch im Tango zu tun haben. Da sind die Geschichten die ich höre, die Fakten die ich lese. Das Gefühl, dass sich Gewalt gegen Frauen in Indien sehr plötzlich und heftig entladen kann. Die Männer, die ich auf den Straßen, an den Chai-Ständen sehe, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Frauen, die ich nicht sehe. 

Das alles gibt es in Deutschland auch. Und dennoch ist es anders. Die Art, wie ich in Deutschland als Frau sein kann, ist eine kulturelle Errungenschaft, trotz aller Benachteiligungen und Grenzüberschreitungen, die es auch hier noch gibt. 

Die Sache mit den Grenzen. Das Gespräch zwischen S. und mir spinnt sich weiter, während wir auf bemoosten Steinen sitzen und Walderdbeeren essen. Die Schatten der Bäume tanzen auf dem Stein. Grenzen gibt es in Deutschland jede Menge: 

Wir reden über die Sperrigkeit der Deutschen. Über das Fließende der Inder*innen. Ein Fließen in der Zeit, im Kontakt, das sichtbar ist in jeder Bewegung des Körpers. 

In Deutschland hingegen hatte ich zu Beginn das Gefühl, ständig an Ecken und Kanten zu stoßen. Als ob wir unsere Energie hier ständig stoppen, weil Grenzen auftauchen, innerlich oder äußerlich. Oder Grenzen vermutet werden. Oder die Angst kommt, eine Grenze zu überschreiten. Oder die Angst vor Kontakt. Als seien da ständig Gedanken, Vorstellungen, Konzepte in unseren Köpfen, die uns unbemerkt stoppen, die wir aber nicht einmal bemerken. Als dürften wir uns nicht einfach berühren, obwohl wir uns hier berühren können. Diese Stockungen, die aus einem Kontinuum ein Holpern und Blockieren machen. Als seien wir alle mit unsichtbaren Panzern ausgestattet, die ständig an andere Panzer stoßen. 

Das Fließen der Inder*innen ist tiefer in mich eingesunken, als ich es erwartet hätte. Es darf gerne bleiben. Für immer. 

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