Bis ein Vogel singt. Notizen aus dem Lock Down III

Madame, are you okay, fragt Kavitha, das Kindermädchen, das auch ab und zu auf unser Mädchen aufpasste, via Facebook. Ihr selbst scheint es gut zu gehen.

Auch Leela scheint okay, ich vermute, sie darf nicht mehr arbeiten gehen, jetzt, wo es in Indien eine totale Ausgangssperre gibt. Ob ihre Familie noch ein Einkommen hat? Ob sie in ihrem winzigen Haus in der Stadt sind, jetzt in der größten Hitze, nur mit Ventilator, oder ob sie noch rechtzeitig in ihr Dorf fahren konnten, dort, wo die Lotosblumen auf den Teichen blühen? 

Von der Straßenkehrerin haben wir lange nichts gehört, schon vor Monaten wurde sie krank, wie man uns sagte, und konnte nicht mehr arbeiten. Um unser Haus kann sie sich auch nicht kümmern, denn ja, unser Haus gibt es noch, weil mein Mann eigentlich noch einige Male zurückkehren sollte nach Indien. Aber auch diese Pläne sind nun erstmal perdu. Alles ist neu in diesen Tagen.

T., bei der ich Ganeshas Geburtstag feierte, schreibt, ein Monat Lock Down pro Jahr wäre keine schlechte Idee, um den Planeten zu retten. In bestimmten Orten in Indien sieht man zum ersten Mal seit 30 Jahren wieder den Himalaya. Weil die Luftverschmutzung zurück gegangen ist. Und was machen wohl die Tagelöhner, die immer in einem großen Pulk morgens an der Straße standen, und darauf warteten, einen Job für den Tag zu ergattern? 

Es ist Zeit für neues in diesen Tagen, wir machen zum ersten Mal grüne Klöße und feiern zum ersten Mal Ostern in Deutschland. 

In Indien wurden dieser Tage Diyas in die Fenster gestellt, als Zeichen der Verbundenheit. Wir hingegen hängen Lichter in die blühenden Apfelbäume im Garten in der Osternacht und singen in die lichte Frühlingsnacht hinein, jemand spielt Gitarre und jemand Querflöte und ach, die Klänge dieser Tage. Sonntags, wenn wir Richtung Bach spazieren, hört man einen Flügel, hinter den Büschen mit dem frischen Grün, und davor eine junge Frau mit Cello. Menschen, die stehen bleiben und lauschen, natürlich in angemessenem Abstand. Ein Gartenkonzert, einfach so. Diese Zeit bringt die herrlichsten Blüten hervor, sie definiert neu, was Schönheit ist, und was Poesie. 

Am Bach gibt es nun eine lange Reihe von Steinen, von Kindern gemalt, mit einem kleinen Brief, man möge doch einen dazu legen, und dann werde man ja sehen, wie lange dieses Band aus Steinen werden wird. 

Das Einkaufen im kleinen Genossenschaftsladen ist seltsam geworden, nur acht Leute dürfen rein und nur mit Mundschutz, Plexiglasscheiben an der Kasse, wie jetzt fast überall. Überhaupt, diese Angst sich zu nahe zu kommen.

Ein Künstlerfreund schreibt, er kann arbeiten wie lange nicht, der Druck des Systems ist plötzlich weg, die Strukturen, die uns sonst dominieren, weichen zurück, sie hinterlassen eine Lücke und eine Leerstelle, die sich für manche mit Schrecken füllt und für manche mit Freude. 

Die Schweinezüchterin sagt, sie ist jetzt bald weit und breit die einzige, die ein festes Gehalt hat. Aber wenn sie in den Schuhen mancher Menschen um sie herum geht, kann sie auch ihr Glück spüren, das manchmal überrascht.

Jemand hat im Garten eine Schaukel aufgehängt, in den blühenden Apfelbaum, und jemand anderer hat eine Bank dazugestellt und das ist vielleicht der friedlichste Platz auf dieser Welt, an dem ich sitze und mein Herz weit mache und alle mithineinnehme, die nicht hier sitzen können. 

Ich sammle Stimmen in diesen Tagen, Stimmen von den verschiedenen Menschen, von verschiedenen Orten, von verschiedenen Sichtweisen, traurige und wütende, bedächtige und impulsive, ungeduldige, ängstliche, nüchterne, mitfühlende, fragende, suchende, mahnende, kluge Stimmen. Ein riesiges Archiv aus Stimmen sammle ich in mir und wenn sie alle durcheinanderreden in einem unendlichen Gewirr dann kann ich hinter dem Dröhnen die Stille hören, die alles durchdringt.

So lange, bis ein Vogel anhebt zu singen Oder ein Kind lacht. Dann lächle ich, stehe auf und mache Mittagessen.

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