Ganeshas Geburtstag

Sie hat einen schwarzen Punkt an der Schläfe, sagt eine andere Mutter zu mir, heute Morgen in der Kita. Gegen den bösen Blick. Ja, sage ich, der ist von gestern. Gestern war Ganesh Chaturthi und ich mit dem Mädchen unterwegs. Ich wollte wissen, was eine hinduistische Familie an Ganehsas Geburtstag macht. Also haben wir T. besucht.

Schon seit Tagen, ja seit Wochen sind die Straßen voll mit wie aus dem Nichts aufgetauchten Verkaufsständen, die alle nur eines verkaufen: Ganesha-Statuen in allen Farben, Formen und vor allem Größen. Der dickbäuchige Gott mit dem Elefantenkopf feiert Geburtstag. Jedes Jahr werden dafür zu Tausenden dieser Statuen hergestellt. Nach 10 Tagen ist das Festival vorbei, dann werden sie im See versenkt.

Ganesha, sagt R. mir vorgestern, soll all die negativen Energien aufnehmen. Und dann versenkt man das Ganze im See.

Ganesha, sagt T. mir gestern, wurde von seiner Mutter Parvathi aus der Erde geformt, mit der sie ihren Körper abrieb. Es gab nicht so etwas wie Duschgel, also nutzte man Erden und geriebene Hülsenfrüchte, gemischt mit Kurkuma. Er wird im See versenkt, weil er nicht hier auf der Erde verbleiben kann, sondern zu seiner Mutter zurückkehren muss.

Ganesha, sagt R. – ist Dir schon mal aufgefallen, dass fast jeder ihn mag?

Ganesha isst gerne, sagt T. Deshalb machen wir heute 21 verschiedene Speisen. Erst wenn er gegessen hat, essen auch wir.

Wir warten also, bis 21 Speisen fertig ist. Das Mädchen isst eine Banane. Noch eine Banane. Einen Apfel. Einen Granatapfel. Alle anderen fasten. Bevor Ganesha nicht gegessen hat, isst hier heute keiner.

Ganesha bekommt ein Bindi, eine farbige Betonung des dritten Auges, mit ruhiger Hand von T.s Schwester gemalt. Ich ebenfalls. Und auch das Mädchen.

Dürfen wir dem Mädchen einen schwarzen Punkt malen? Mit Kajal? Gegen den bösen Blick, sagt T. Meine Großmutter ist ein bisschen verrückt. Nimm’s nicht persönlich.

T.s Mutter kommt, zeichnet Kreise in die Luft um mich und das Mädchen. Zweimal müssen wir uns drehen. Sie murmelt etwas. Auch das ist zum Schutz vor schlechten Energien.

Während die Frauen noch in der Küche hantieren, singt der Vater Ganesha schon mal Mantren vor. Der Bruder sitzt daneben und reicht Blüten und Blätter, bis sie dem Elefantengott bis zum Halse stehen.

Dann ist das Essen fertig, und das Puja, das Gebet, auch. Wir essen und fahren zurück. Schau heute nicht in den Mond, sagt T. mir noch, bevor wir losfahren.

Ich überlege nun, mir auch einen tönernen Ganesha zu kaufen. Ihm alles aufzuladen, was mich so stresst. Und es dann im See zu versenken.

Ich weiß, diese Bräuche sind komisch, sagt die andere Kitamutter heute Morgen noch zu mir. Aber sie funktionieren.

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