Die Nacht ist blau an Diwali

5 Tage dauert Diwali. 5 Tage war das Mädchen krank. 5 Monate noch wird es weitergehen wie bisher. 5 Tage knallt und kracht es an Diwali, sobald es dunkel wird. Und dann ist es vorbei.

Der letzte Tag ist heute, der letzte Tag von Diwali, der letzte Tag einer Woche, die ganz anders geplant war, der letzte Tag, hoffentlich, an dem das Mädchen noch hustet, aber immerhin kein Fieber mehr hat.

An den Straßen werden die Stände nun wieder abgebaut, an denen Feuerwerk verkauft wurde und tausende kleiner Schälchen. Diyas heißen die, und mit einem einfachen Baumwollfaden und Lampenöl verwandeln sie sich in Öllämpchen.


In jeder Ecke des Hauses muss an Diwali ein solches Licht stehen. Und auch die Außenwände werden mit Lichtern gesäumt. Sonst kommen sie nicht, die Götter. Lakshmi und Ganesha sind es meistens. In manchen Gegenden wird an Diwali die Göttin Kali verehrt, aber nicht bei uns. Schade, mit Kali würde ich wirklich gerne mal Kaffee trinken.

In der Kita hat das Mädchen ein solches Lämpchen bekommen, mit Glitzerfarbe angemalt und verziert mit roten Samen einer Pflanze deren Namen ich nicht weiß. Wir hatten es noch nicht mal ausgepackt, da fiel es schon herunter und war kaputt. Brüchig ist der Ton, aus dem die Schälchen gefertigt sind und sie werden in solchen Mengen verkauft, dass ich die Vermutung habe, dass es Einwegprodukte sind, die jedes Jahr aufs neue gekauft werden. So wie die Lassi Becher aus Ton, die nach Gebrauch im Straßengraben zerschellen. Schade finde ich es um all die Arbeit. Aber immerhin ist es kein Plastik, immerhin.

Aus Plastik ist dafür die pinkfarbene Spielzeugpistole, die das Mädchen von den Nachbarn bekommt. Denn zu Diwali gibt es Geschenke und beliebt ist, was knallt.

Ich kriege eine Duftlampe, auch aus Ton, und Kampher dazu. Die weißen Plättchen kenne ich aus den Tempeln. Plötzlich fällt mir etwas ein, was ich schon immer wissen wollte. Den weißen Kampher-Plättchen ähnlich sind nämlich weiße Tabletten, die hier gerne in jedem Abfluss und jedem Waschbecken verteilt werden und deren stechender Geruch mich oft die Luft anhalten lässt. Naphtalin, sagt die Nachbarin.

Die Öllampe jedenfalls kann ich brauchen denn die letzte, die ich hatte und kurz nach unserer Ankunft hier kaufte ist kaputt. Beim Putzen fiel sie meiner Hausangestellten herunter.

Kaputt ist auch der Wasserfilter in der Küche. Er leckt aus einem der Filter, die zum Wasserbehälter führen. Jetzt müssen wir warten bis da ein neuer geschickt wird. Oder vielleicht besser: ob. Ich erinnere mich an das Hochgefühl, als dieser Filter hier ankam. Teuer war er und gefertigt ist er in Auroville, wo man einen Sinn hat für Dinge, die wichtig sind. Unser Wasser aus dem Hahn ist zwar trinkbar, weil hier auf dem Campus schon gefiltert wird. Aber es schmeckt nicht. Es schmeckt nach Chlor. Das Wasser aber, das aus diesem Filter kommt, habe ich in Auroville probiert. So gut! Endlich keine Plastikflaschen mehr! Denn das Wasser aus Plastik schmeckt auch nicht, außer tot. Unser Auroville Wasser hingegen wird dynamisiert und mit Mantra besungen. Alternativ kann man auch Beethoven wählen. Ich wählte lieber AUM.

An den letzten zwei Tage von Diwali, sagt die Nachbarin, schreibt man nicht. Erst wenn Diwali vorbei ist. Dann nimmt man neue Hefte. Neues Papier. Neue Stifte. Und schreibt als erstes Ohm. Oder so was ähnliches. In jedem Fall etwas Heiliges.

Die eine Nachbarin trägt Sari an Diwali, die andere hustet. Der Staub, sagt sie. Sie meine wohl die Luftverschmutzung, sagt mein Mann. Nein nein, der Staub sagt sie. Sie habe eine Baustelle besucht, da wurde mit Zement gearbeitet. Deshalb. An Diwali husten auch der Mann und das Mädchen, die ganze Nacht.

Die Nacht ist blau an Diwali. Von alle den Feuerwerkskörpern. Diwali knallt und kracht. Diwali ist sowas wie Weihnachten und Silvester auf einmal. Inklusive Festmahl und Süßigkeiten. Und Kindern, die jauchzend herumspringen.

Fünf Nächte ist Indien in blauen Rauch gehüllt an Diwali.

Und dann ist es vorbei.

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