Leela sucht einen Job

Hast du den Job gekriegt? frage ich neugierig, als Leela* zur Türe hereinkommt. Sie hat die Dupatta über den Kopf gezogen, wegen der Sonne.

Die Dupatta ist ein langes Tuch, das hier bei uns meisten Inderinnen tragen. Wenn es nicht ein Sari ist, tragen sie Shalwar Kameez, bestehend weiter Hose und einer Kurta, so einer Art Tunika, die weit bis zu den Oberschenkeln oder Knien reicht. Und eben jenes lange Tuch. Die Dupatta wird so umgelegt, dass sie die Brüste verhüllt, die beiden langen Enden werden über die Schultern geworfen. Je nach Kontext wird sie auch über den Kopf gezogen, als Sonnenschutz oder auch als Zeichen des Respekts verheirateter Frauen vor ihren Schwiegereltern. In manchen ländlichen Gegenden dürfen Frauen ihr Gesicht keinen Fremden zeigen und tragen ihr Tuch wie einen Schleier.

Mitten in der größten Mittagshitze ist Leela eben vom Gate bis zu unserem Haus gelaufen, eine Strecke von vielleicht 300 Metern ohne jeden Schatten. Zu dieser Jahreszeit kaum auszuhalten.

Water, sagt sie, first Water.

Dann, als sie getrunken hat, erzählt sie. Dieser Job sei nichts für sie. Sie hätte bis abends 8 oder 9 Uhr arbeiten sollen und das erlaube ihre Schwester nicht. You know Madam, Hyderabad very dangerous.

Leela hat die letzten Jahre unsere Wäsche gewaschen, unser Haus geputzt, die Böden gewischt. Täglich. Wie das in Indien üblich ist. Sie bittet mich um Erlaubnis, wenn sie Mittagessen will, wenn sie abends geht. In den ersten Tagen, die sie für mich arbeitete, hielt sie mir abends ihre weit geöffnete Tasche entgegen: Please check my bag, Madam. Leela, sagte ich. Wenn du täglich bei uns im Haus bist, muss ich dir vertrauen können. Du musst mir deine Tasche nicht zeigen.

Manchmal trägt Leela Jasmin im Haar. Ihren dünnen Armreif hängt sie morgens in den Zitronenbaum. Abends, bevor sie geht, kämmt sie die langen schwarzen Haare. Bis dahin hat der Jasmin seinen Duft schon verloren.

Nun, da wir weggehen, sind wir in der Pflicht, uns nach einem neuen Job für unsere Hausangestellte umzusehen. So ist es üblich. Denn man ist hier nicht nur Vorgesetzte, sondern auch in der Fürsorgepflicht: Wenn irgendetwas ungewöhnliches in Leelas Großfamilie passiert – ein Unfall, ein Krankenhausaufenthalt, ein Schulwechsel, werden wir um Geld gebeten. Wir sind sozusagen das Sozialsicherungssystem. Und nun versuchen wir uns als Jobvermittler, posten im Expat-Forum, dass wir gehen und hoffen rechtzeitig eine neue Familie zu finden.

Leela also darf nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr alleine außer Haus sein. Warum ihre Schwester das so festlegen kann? Die Schwester ist älter und Leela lebt in ihrem Haus. Leela ist Waise. Ihre Eltern sind früh gestorben. Wenn Leela an ihre Mutter denken muss, fängt sie sofort an zu weinen. Sie ist noch nicht so lange in der Stadt. Sie kennt nur das Stadtgebiet in dem sie lebt und sonntags zur Kirche geht. Aufgewachsen ist sie auf dem Dorf. Dort, wo es überall Lotosblumen gibt. Wo das Wasser gut ist. Hier, sagt sie, verliert sie dauernd Haare. Water no good.

Leela ist Mitte zwanzig, unverheiratet, die Jüngste von vier Geschwistern. Heiraten kostet Geld. Geld, das bisher nicht da war in der Familie. Es bleibt ihr also nichts, als zu arbeiten. Dazu ist sie in die Stadt gekommen. Lebt bei der Schwester und Mann und zwei Kindern.

Einmal hat sie sich beschwert, der Mann habe die Schwester geschlagen. Später meine sie, es sei nicht mehr passiert. Der Mann mache aber nichts, sie und ihre Schwester müssten die schweren Wasserkanister tragen. Zweimal sind sie in letzter Zeit umgezogen, weil kein Wasser aus der Leitung kam. Sie mussten alles, was sie brauchten, von Hand herschleppen.

Das Zimmer teilt sie sich mit den zwei Kindern. Abends sieht sie fern. Ihre Schwester kocht, sehr gut sogar, das habe sie von der Mutter gelernt. Leela kann nicht kochen. Ich habe sie einmal gebeten, Dal und Chapati zu machen. Nun ja, ich habe sie nicht nochmal gefragt. Das von der Schwester morgens frisch gekochte Essen bringt sie sich zu Mittag mit. Sie teilt ihr Lunch mit meiner kleinen Tochter, seit die sitzen und stehen und gehen kann. Die beiden packen ihre Lunchboxen und lassen sich im Garten nieder. Es ist ihr gemeinsames Ritual.

Leela fürchtet sich vor Geckos, meint, das seien gefährliche Tiere. Sah mich ungläubig an, als ich sagte, die würden die Moskitos fressen. Als wir einmal nach längerer Zeit ins Haus kamen, war das Insektenspray weg, jenes mit Parfum versetzte Gift, nachdem hier abends gern mal die Häuser riechen. Der einfache Weg. Den wir nie genommen haben. Ich weiß nicht genau, was sie mit dem Gift gemacht hat und vielleicht denke ich besser nicht zu lange drüber nach.

Sie staunt, als ich ihr sage, dass Papayas mit Limettensaft besser schmecken. Dass man die pfeffrigen Kerne der Frucht essen kann, dass sie sogar gesund sind. Ich staune auch: Dass ist doch dein Land. Deine Frucht, die du von klein auf isst.

Letztes Jahr hatte sie einen Verehrer. Sie lernte ihn auf einer Hochzeit kennen. Er wollte sie heiraten. Sie lachte ängstlich und wie ein Teenager, als sie mir davon erzählte. Ihr Bruder traf die Eltern des jungen Mannes, aber aus irgendeinem Grund passte es nicht. Inzwischen aber hat Leela scheinbar so viel Geld sparen können, dass eine Hochzeit nun doch zur Debatte steht. Nächstes Jahr vielleicht, sagt sie. Ich ziehe dann zurück aufs Dorf. Ein paar Stunden entfernt ist das Dorf, in Andra Pradesh.

Leela möchte nicht mehr als Maid arbeiten, sagt sie mir, sondern als Nanny. Ich solle ihr eine Referenz schreiben, bittet sie mich. Wie soll ich dir eine Referenz schreiben über einen Job, den du nicht hattest, frage ich sie? Leela spielt mit meiner Tochter, begleitet sie manchmal zu ihrer Freundin. Eine Nanny aber war sie nie.

Als meine Tochter noch ganz klein war, ein paar Monate, ging Leela einmal auf dem Hof mit ihr spazieren für ein paar Minuten. Da hörte ich mein Baby schreien, ging hinaus, fand es Baby auf dem Arm eines fremden Mannes. Ich nahm es sofort an mich, zischte ihr zu, dass wir ins Haus gehen. Jetzt.

Was fällt dir ein, mein Baby einem fremden Mann zu geben, sagte ich? Mach das nie nie wieder.

Ich habe zu viele schreckliche Geschichten gehört über Missbrauch. Auch über den der ganz Kleinen.

Leela murmelte Ausflüchte, die alle auf dasselbe hinausliefen: Sie traute sich nicht nein zu sagen. Sie blickte beschämt zu Boden. Nein sagt man in der indischen Kultur besser nicht. Es ist unhöflich, ein klares Nein zu sagen. Lieber verleugnet man die eigenen Grenzen, aus Angst, den anderen zu kränken. Bei Frauen habe ich das oft erlebt. Die Grenze zum Übergriff ist unscharf, wie verwischt, wird nicht wahrgenommen. Ab jetzt versuche ich sehr klar zu vermitteln, wo für mich Grenzen sind. Leela wackelt jedes Mal mit dem Kopf. Oookay, oookay, Madam, sagt sie.

Leela ist Mitte zwanzig, unverheiratet, und sie sucht einen Job. 

*Name geändert

2 Gedanken zu „Leela sucht einen Job“

  1. .puh….heftig das zu lesen. Der erste Impuls schreit ” mitnehmen in eine bessere Welt”..doch das ist natürlich naiv und für sie vermutlich nicht zu ertragen . Fest verstrickt in ein Wertesystem das mir alleine beim Lesen die Luft zum Atmen nimmt. Was wird mit diesem Land? Gibt es überhaupt Entwicklungstendenzen? Brechen irgendwo die Grenzen der Gesellschaft auf? Stehen irgendwo die Frauen auf? Vielleicht sogar die Männer?

    Hast Du mal darüber nachgedacht ein Buch über deine Indienzeit zu schreiben? Oder tust es vielleicht schon?
    Das fände ich grossartig.

    Alles Gute, wenig Stress , gute Nerven, grosse Vorfreude und sichere Heimreise wüsche ich Dir!!!

    Herzlichst
    Lina von familie_dracula

    1. Vielen Dank für Dein Feedback Lina,
      der beschriebene Fall ist ein relativ “normaler”, es gibt ganz andere Realitäten hier. Es gibt den Aufbruch in Indien, allerdings nicht unbedingt so kraftvoll hier, wo wir leben…aber auch hier gibt es Frauen, die kraftvoll machtvoll ihr Leben gestalten und darüber hinaus wirken. Ich schreibe halt immer über das, was mich gerade bewegt, mir begegnet. Weil ich selbst versuche es zu verstehen. Es gibt in Indien auch ungeheuer kraftvolle Frauen, die sehr viel bewegen (Vandana Shiva ist nur ein Beispiel) und Indien ist mitten im Aufbruch. Aber die Strukturen sind komplex….Es gibt in Indien die unterschiedlisten Zeitalter und Jahrhunderte direkt nebeneinander!
      Und Deine Anregung, ein Buch zu schreiben, freut mich riesig. Wer weiß…Ich habe allerdings das Gefühl, auch nach vier Jahren hier fast nichts von diesem Land verstanden zu haben.
      Ganz liebe Grüße zurück,
      Anka

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