Wir wohnen in Indien. Vor einem Jahr kehrten wir zurück.

Wir wohnen in Indien, singt das Mädchen, und wir sind hier on Holidays. Nun, unsere Holidays dauern nun schon fast ein Jahr. Genau ein Jahr ist es heute her, dass wir unser Zuhause in Indien verließen und unseren Lebensmittelpunkt wieder nach Deutschland verlagerten. Aber natürlich lebt und webt diese Zeit in uns weiter. 

Manchmal wacht das Mädchen auf und fragt, ob wir in die Kantine zum Frühstücken gehen, wie wir das dort bisweilen machten. Dann habe ich den Geschmack von Dosa und Kokoschutney auf der Zunge, von scharfer Gemüsesuppe und süßem Chai. Wenn das Mädchen einen Keks hat, erinnert sie sich daran, wie sie den bei der Nachbarin in den Chai tunken durfte. Überhaupt bin ich überrascht, wieviel sie erinnert. Wie lange noch? Wann gehen wir wieder nach Indien?, fragt sie manchmal unvermittelt, wenn sie des morgens erwacht. 

Indien ist der Boden ihrer ersten Lebensjahre. Und er ist der Boden, auf dem ich Mutter wurde. Indien ist die Zeit, in der wir Familie wurden. Indien ist die Zeit, in der ich zum ersten Mal für wirklich lange Europa verließ. Indien ist die Zeit, in der ich die Erschütterung erlebte, den eine anderen Kultur mit anderen Werten auslösen kann. Indien ist die Zeit, in der mein Ich seine Tentakel von all den Dingen löste, die es bislang für identitätsbildend hielt. Einige dieser Tentakel hängen seither in der Luft und tanzen. 

Jetzt, nach einem Jahr, fange ich an zu begreifen, wie Indien sich in mir niederschlägt, nach und nach, in Sedimenten, aus denen ein neuer Bodensatz wird. Jetzt nach einem Jahr, verstehe ich, wie viele Schichten und Layer das Ankommen umfasst: 

Zuerst das ganz konkrete: Der Geschmack der Beeren, des langvermissten Essens. Das Grün, das Licht, die Farben. Die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, zu Fuß, mit Tram. Die saubere Luft. Die neue alte Wohnung, in der alles zurechtgerückt werden muss. Für jedes Ding ein neuer Platz. 

Dann das Räumen des Lagers. All die Dinge, die ich längst vergaß. Dinge, die ich vermisste. Dinge, die ich mit Freude wiederentdeckte. Ein endloses Band von Dingen, die durch Hände gehen. 

Nach den ersten Wochen und Monaten das Ankommen des Containers, mit dem ein Stück Indien bei uns einzieht. Das Auspacken der Schätze und Erinnerungen. Das Sortieren alles Alten und Neuen, im Außen wie Innen. 

Neue Orte: Der neue Kindergarten, so anders als das, was wir aus Indien kennen lernten. Und wo eine Sprache gesprochen wurde, die das Mädchen nicht verstand.

Lange mischten wir die Sprachen, ohne es zu merken. Nach und nach ist das Englische weniger geworden und nun sind es nur noch einzelne Worte, die sich dazwischen mischen. Im Deutschen sind wir wieder angekommen.

Und dann die weniger sichtbaren Schichten: Das erwachende Bewusstsein des Mädchens in der ihr fremden Welt. Das Vermissen der Nachbarin, der Freunde. Die Irritation darüber, wie Menschen hier sind, miteinander. Die Überraschung, wie sehr ich mich an die indische Art des Kontakts gewöhnt habe. 

Die andere Wahrnehmung von Geschwindigkeiten. Die Raserei unseres westlichen Lebensstils. Der fremde Blick auf die eigene Kultur. 

Es dauert an, das Ankommen. Es wird sich in weiteren Schichten in uns verdichten. Und das Fremdsein, wo auch immer, bleibt ein Geheimnis, das sich nie ganz entschlüsseln lässt.

Vielleicht ist dies ein guter Zeitpunkt, um diesen Blog zu beenden. Wir werden sehen, wie sich das Leben in neue Geschichten hinein weiterschreibt.

15 Gedanken zu „Wir wohnen in Indien. Vor einem Jahr kehrten wir zurück.“

  1. Ich fänd es sehr schade, wenn es dieses Blog nicht mehr gibt. Ich mag deine Art zu schreiben, deine ganz eigene Art, (Lebens-) Geschichten zu erzählen, deine Art der Sicht auf die Dinge.
    LG von TAC

  2. Ich wäre auch traurig, nicht mehr von dir und deiner Familie lesen zu können. Deine Geschichten sind für mich ein Tor nach Indien und Süddeutschland gewesen – zwei Ecken dieser Welt, die sich bei mir in vielen Sedimenten wiederfinden. Und sie haben geholfen manch eigene Erfahrungen noch einmal anders zu betrachten, auch wenn sie schon einige Jahre alt sind. Aber manchmal merkt man auch gar nicht sofort, was sich alles in den Sedimenten niedergeschlagen hat.
    Danke, dass du uns ab und an hast teilhaben lassen an deinem und eurem Leben. Alles Gute!

    1. Interessant oder, wie die Orte, die wir uns vertraut machen, sich in uns niederlassen und ablagern… Es gibt noch vieles, was noch zu erzählen wäre, – mal sehen! Danke für die ermutigenden Kommentare!

  3. Ich muss mich schleunigst anschließen. Die ganzen stillen Leser*innen hier sind still – aber sie sind da. Ich aktualisiere fleißig im Wochen Rhythmus und wäre sehr traurig wenn es eines Tages vergebens wäre.

  4. Ich möchte auch so gern hier weiterlesen! Ich mag die Stille. Einfach mal einen Text lesen und lange darüber nachdenken, nachwirken lassen ohne Diskussionen im breiten Rahmen!
    Ich lese von Beginn an und habe immer wieder auf neue Einblicke gewartet!

  5. Auch ich bin stille Leserin aber schon ein Weilchen dabei – deine Texte lösen ein ganz besonderes Gefühl in mir aus, und berühren mich auf eine ganz eigene Art.

    Danke fürs Teilhaben lassen, und auch ich würde mich freuen, wenn es weitergeht.

  6. Indien ist für mich ein Sehnsuchtsland, das ich nur in Büchern bereist habe und in meiner Phantasie irgendwo zwischen “Shantaram” und “Das Gleichgewicht der Welt” existiert. Dein Blog ist ein weiteres Fenster in diese so seltsam faszinierende Welt, dafür ein großes Dankeschön. Und euch auf dem Weg zurück zu den Wurzeln zu begleiten, ist mindestens genauso faszinierend. Ich darf mich auch anschließen, ich fände es schade, wenn es das Blog nicht mehr gäbe.

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