Mein Ich ist ein Tintenfisch

Lange, seit Wochen schon, sind wir da und irgendwie sind wir es nicht. Wir brauchen Stunden, um aus dem Haus zu kommen, Croissants zu holen, einkaufen zu gehen. Wir sind verwirrt, wir wissen nicht wirklich was wir wollen, was wichtig ist und als erstes zu tun ist von der langen langen Liste.

Die Hitze macht uns nichts aus, die sind wir gewohnt. Aber da ist dieses seltsame Rauschen und Flimmern, in dem die Tage versinken, das uns wie durch einen Schleier nur die Welt da draußen wahrnehmen lässt.

Wir packen Sachen aus, von denen wir vergaßen, dass wir sie besaßen, halten sie staunend ins Licht und bevor der Staub sich legt, den wir aufwirbeln mit unseren Kisten und Kästen verschwindet die Hälfte der Sachen wieder im Keller. Wer braucht das alles?

Wir schlafen auf Matratzen auf dem bloßen Boden und rollen in unruhigen Nächten darauf hin und her. Wir sitzen am Bach und auf Spielplätzen und staunen über all das, was hier möglich ist und wissen doch noch nicht recht, was tun mit dieser plötzlich wiedergewonnenen Freiheit.

Wir, das bin eigentlich ich, mein neues und mein altes Ich, sie treffen sich nun täglich, die beiden, und stecken ihr Terrain ab.

Ich, das ist ein Tintenfisch mit unzähligen Fangarmen, jeder davon saugt sich fest auf Dingen und Orten und findet, dass die es sind, die mich ausmachen, eigentlich, im Kern. Wenn man sie aber löst, die Saugnäpfe, und die Dinge verschwinden lässt, scheint auch das Ich zu verschwinden und zumindest in Verwirrung zu geraten. Einige der Fangarme schlingern nun desorientiert durch die Luft. Aber bald schon werden sie sich wieder festbeißen und das Ich wird wieder meinen, zu wissen, wer es ist. Auch wenn es jetzt ein anderes Ich ist als das, was es je war und je sein wird.

Dann aber, nach Tagen des Rauschens in Augen, Ohren und Beinen, steigt plötzlich etwas anderes dahinter und daraus hervor: eine schlichte, tiefe, Freude, am Leben zu sein, jetzt also hier – was spielt es schon für eine Rolle, wo wir sind, (siehst Du, sagt mein Mann, das habe ich Dir gleich gesagt), mit meinen Liebsten zu sein, nachts ihren Atem zu hören und ihre schlaftrunkenen Glieder neben mir schlingern zu spüren, auch sie wie Tentakel, die etwas suchen, woran sie sich festsetzen können. Zu spüren und überhaupt zu fühlen, dass ich am Leben bin, und den Zeit und den Raum haben, das Leben selbst zu fühlen, jenseits von Ort, Zeit, Tentakeln, Dingen und Identität. 

8 Gedanken zu „Mein Ich ist ein Tintenfisch“

  1. Tiefe Bewunderung für die Art und Weise, wie du die Emotionen, Empfindungen, Gedanken und Gefühle um Dich herum und in Dir beschreiben kannst! Vielen Dank, dass Du uns ein Stück auf Deiner Reise mitnimmst

  2. Ich bin immer wieder neu gefangen in deinen Worten. Gerade aus dem Urlaub zurück, habe ich auf Neuigkeiten von Dir gehofft und wurde nicht enttäuscht. Ich war auf dem Schiff in der Ägäis, Bei derBetrachtung des Sternenhimmels und den modernen Navigationssystemen, dachte ich an Columbus, den Indianern (Indien) und sofort an Dich und deine liebevollen Erzählungen deiner Reise/ Aufenthalt oder besser gesagt dem Zwichenstop in diesem fremden Land.
    Ich bin gerührt von deinen Worten und wünsche Dir das ankommen und verweilen in einem sicheren Hafen.
    Danke
    Bettina aus Karlsruhe (BettiLu)

  3. Meine liebe Tintenfischfrau, wie wunderbar du die Gabe hast, deine Leser mitzunehmen, in diese Zeit zwischen den Welten…ich umarme euch ❤️

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