Erdbeeren. Zusammenheit. Notizen aus dem LockDown V

Nach Erdbeeren und Feuer riecht das Kind. Es schläft schon, eben ist es eingeschlafen in meinen Armen und ich küsse es nochmal, schmiege mich für einen Moment an den entspannten Körper, und nehme diesen wunderbar süßen und herben Duft in mich auf.

Erdbeeren und Feuer, rot und rot. Der Duft eines Tages im Mai. Ein Tag, der nach Erdbeeren schmeckte, nach Schwedenfeuer im Garten und nach togetherness. Wie sagt man das auf deutsch? Zusammenheit? 

Ein Tag, den wir im Garten verbrachten, auch die Nachbarn sind da. Abstand brüllt das Mädchen, wenn ihm einer zu nahekommt, aber natürlich vergißt es den Abstand auch mal, und auch die Erwachsenen vergessen es hin und wieder und fast schon schleicht sich einen Moment Erleichterung ein, wenn man es mal eben vergisst. Denn es zeigt, dass die Anspannung weniger geworden ist und ebenso die Angst. Seit 10 Tagen keine neue Infektion in unserer Stadt, sagt jemand und alle anderen nicken und denken sich, dass sie dann doch kein schlechtes Gewissen haben müssen. Von Normalität sind wir weit entfernt, ebenso wie von Berührung und Umarmung, aber es stellen sich neue Formen von Zusammenheit ein. 

Ein anderer Nachbar kommt irgendwann dazu, stellt eine große rote Kiste auf die Erde, zwischen Schaukel und Liegestuhl. Erzählt mit einem Lächeln von seinem Kindheitstrauma, dass es nie genug gab. Nie genug Erdbeeren. Die Kiste ist randvoll mit den roten süßen Früchtchen und der Nachbar geht davon und lässt uns mit der Kiste allein. 

Dem Mädchen läuft der Erdbeersaft am Kinn hinunter, an den Händen und in die Ärmel. Jemand macht Fotos und das Mädchen schüttelt das blonde zottelige flusige Haar. 

Der Nachmittag getränkt in Erdbeersaft und dann, in der Dämmerung, stellen die Nachbarn ihr Schwedenfeuer in den Garten und zünden es an. Das Mädchen ist mit einem Nachbarskind verschwunden. Nachdem wir sie wochenlang isolierten gaben wir irgendwann auf. Wir teilen einen Garten. 

Beständig haben sie sich  in diesen Tagen ein halbes Dutzend neue Plätze und Räume erobert, rund um das Haus und den Garten, jeder Platz ein eigenes Spiel. Jedes Spiel hinterlässt Spuren, wie eine Geschichte, in Hinterlassenschaften erzählt, die ich am Abend einsammle. Abends, wenn der entfernt lebende Opa anruft und fragt: Tanzen wir heute wieder. Dann stellt er die Musik an, die er eigenes für die Enkelin recherchiert und gelernt hat. Und dann drehen sich die beiden im Kreis, bis ihnen schwindlig wird. Schließlich holen sie Schokolade, die erst in die Kamera gehalten und dann verspeist wird. Neue Rituale von Zusammenheit. 

Ans Schwedenfeuer gesellen sich  an diesem Abend mit dem Nachtdunkel weitere Nachbarn, mit Abstand natürlich, es wird geredet und geschwiegen, ins Feuer geschaut. Am Windgfällweiher sei das Kiosk offen, aber das Strandbad wohl noch nicht. Es geht nun weniger um das Virus selbst, als um die Lockerungen: Was man nun wie machen kann. Was wer nun wieder zum ersten Mal gemacht hat, nach all diesen Wochen. 

Das Mädchen schläft ein, müde gespielt, bevor Erdbeeren und Feuer von Haut und Haaren gewachsen werden können. Am nächsten Morgen wird es wieder mit dem Nachbarskind unterwegs sein, wilde Erdbeeren entdecken, die am Zaun wachsen. 

Erdbeeren und Zusammenheit. Sie füllen den Platz zwischen und hinter den Regeln und erinnern daran, dass inmitten dieser Zeit Öffnungen entstehen, Leer- und Hohlräume, von denen vorher keiner etwas wusste, und in die nun der Saft der reifen roten Früchte tropft. 

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