In dieser Träne, in diesem Licht

Heute vor 22 Jahren wurdest du beerdigt. Nun bist du schon länger tot, als du gelebt hast. Und der Tag, an dem dein Körper in die Erde zurückkehrte, steht mir heute seltsam deutlich vor Augen. Ich erinnere nicht alles, nur einzelne Bilder sind es, die abbrechen und an die sich übergangslos das nächste Bild fügt. Bruch nach Bruch.  

Die vielen Menschen, die kamen. Die viel zu kleine Kapelle. Wie wir hinterher in der Wohnung deiner Schwester saßen, gelöst, irgendwie erleichtert. Das große Foto von dir, das an deinem Sarg lehnte, das ich gemacht hatte, in jenem letzten Urlaub in Schweden

Die vage Erinnerung, dass ich gerne etwas gesagt hätte. Aber nur der Pfarrer sprach. Keinerlei Erinnerung an seine Worte. Irgendwie war in den Tagen nach deinem Tod der Mythos entstanden, dass du Sonnenblumen gern hattest. Ich war mir da nicht so sicher, aber es spielte keine Rolle. Wir hatten jede Menge Sonnenblumen dabei. 

Dann dein Grab. Der Sarg, der in die Erde gelassen wurde. Als ich niederkniete, um mich von deinem Körper zu verabschieden, gerade in diesem Moment brach die Sonne durch die Winterwolken. Direkt in mein Gesicht. Als würdest du mich grüßen und erinnern, dass du dort in der Erde nicht zu finden warst. 

Und dann sind da noch die Papiervögel, ein ganzer Reigen, von Mädchenhänden gefaltet, bunt und zart, die mit dort hinunterflogen ins Dunkel. 

Ich spürte eine seltsame Freude an diesem Tag, vielleicht auch eine Erleichterung. Du hattest es geschafft. Dein Leiden war beendet. Viele Menschen umarmten mich an diesem Tag, viele hatte ich lange nicht gesehen, und nicht in die Arme schließen können, weil wir so auf diesen Weg durchs Dunkel konzentriert waren. Alle anderen waren da seltsam weit weg. Freunde hatten sich von uns entfernt, nach und nach, aber doch so, dass wir es schmerzlich wahrnahmen. Jetzt waren alle wieder da. Und ich auch. 

Die Zeit mit dir ist eingeschrieben in jede Zelle meines Körpers. Damals konnte ich nicht ahnen, wie sehr diese Jahre mit dir, diese erste Liebe, mein Leben prägen würden. Und dass ich jetzt schon die wichtigste Lektion gelernt hatte: Dass Liebe nie vergeht. Dass nichts je verloren ist. Dass alles was war und was wird schon enthalten ist, in dieser Träne, in diesem Licht. 

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