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aus dem silbernen Notizbuch

Wir dachten uns ein Lächeln aus.

Smögen. Smögen hat in unsere Gesichter ein Lächeln gezaubert, dass es nie zuvor und nie mehr später gab. Vielleicht sind das unsere glücklichsten Tage gewesen. Kein leichtes Glück, aber ein tiefes.

Du und ich und Schweden. Du und ich und das Meer. Wir fuhren die Westküste hinauf, strahlend blaue, vegetationslose Tage, nur Schärenklippen, Holzhäuser, Himmelssonne, Klarheit, Schönheit, Liebe.

Du zogst dein T-Shirt aus und legtest dich in die Sonne, gabst deinen weißen, von Krankenhaussterilität unterkühlten Körper der kosmischen Wärme preis, lagst lang und gerade, mit geschlossenen Augen, als ob du dich ins Weltall meditiertest. Ich sprang barfuss über Schärenklippen, von Stein zu Stein, saß am Wasser und streckte ab und zu einen Fuss hinein. 

Wir schliefen im Zelt. Ja, selbst mit Krücken wolltest du immer noch im Zelt schlafen, du wolltest auf der Erde und der Erde nahe sein. Nur bei allzu schlechtem Wetter ließest du dich zu einem warmen Zimmer im Wandrerheim überreden. Du brauchtest einige Tage, um an der Freiheit wieder Lust finden zu können, dann aber warst du glücklich, und wir beide uns nah, auf eine friedliche, vergnügliche, genügsame Weise, mit einem stillen Lächeln. 

In Smögen mussten wir erst einmal unser tropfnasses Zelt trocknen und fanden ein herzigsüßes kleines Zimmerchen in einem der wunderschönen Holzhäuser direkt am Hafen, Blick aufs Meer, die Yachten, die Steine, die Weite, die niemals endende Helle des nordischen Sommers. 

Smögen, Smögen, lichte Weite, und selige sanfte Liebe eines schläfrigen Nachmittags. Licht, Licht, Liebe, Liebe, Ewigkeit weniger Sommertage, die uns heilten und wir sie, wir nahmen all das Licht, all das Blau, die schlichte Schönheit dieser hageren Landschaft in unsere Liebe mit hinein. Wir lebten ein ewiges kleines, seliges, vollkommenes kleines Sommerleben, verbargen uns in den nie endenden Tagen, als ob wir der Nacht auf immer entkommen wollten. Nie sind wir irgendwo mehr zu Hause gewesen als in diesen Tagen, an diesem Ort. 

Smögen, unser Smögen. Wir gingen immer wieder den schmalen Steg entlang, setzten uns darauf, damit du angeln konntest, ohne etwas zu fangen, wir stromerten durch die kleinen Lädchen, für die der Sommer beinahe vorbei war, und wir machten Bilder, du von mir, ich von dir, wir von uns, wir von Smögen, Smögen von uns. Alle diese Bilder für innen und außen. Wir rüsteten uns, falls es nie wieder Sommer werden sollte. 

Wir dachten uns ein Lächeln aus, nur für Smögen. Wir ließen es dort zwischen den blanken warmen Schärenklippen zurück. 

Zur Erinnerung an eine Liebe, die heute vor 21 Jahren starb.

5 Antworten auf „Wir dachten uns ein Lächeln aus.“

Bei manchen deiner Texte habe ich das Gefühl, sie zu atmen statt sie zu lesen. Das ist einer dieser Beiträge. Wenn ich ihn lese, kann ich eine Liebe spüren, die nicht meine eigene ist. Was für eine Gabe, das mit Worten erreichen zu können. Alles Liebe für dich und deine Familie

Ich liege gerade im Bett und lese deine Erzählungen. Ich habe Tränen in den Augen und bin zu deinem Text vor einem Jahr gesprungen. Unglaublich, wie du mit den Worten jonglierst, und mich in ein Gefühlschaos katapultierst! Ich freue mich jedes Mal, wenn ich Neues von dir zum Lesen bekomme, auch wenn ich sonst eher nur ein Mitleser bin.

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