Ein Tag im März in Auroville oder #WMDEDGT

Im Morgengrauen aufwachen. Die Luft ist ein wenig klamm im Zimmer unseres Gästehauses, denn das Klima ist feucht-heiß hier. Laute Tempelmusik aus billigen Lautsprechern. Im Dorf nebenan ist ein Tempel und in diesen Tagen wird irgendwas besonderes gefeiert da. Indien ist kein leises Land. Aber in vier Jahren haben wir uns daran gewöhnt.

Auroville, dieser kleine Ort in Südindien, nahe bei Pondycherry: ein Ort gelebter Utopie. Eine Mischung aus Ashram, Öko-Dorf, Innovations-Hub, an dem Menschen aus aller Welt leben. Nach Regeln ,die sie sich selbst gegeben haben. Gegründet von einer Frau, einer Französin, die „The Mother“ genannt wird. Sie war die Gefährtin von Sri Aurobindo, dem berühmten spirituellen Lehrer, dessen Ashram in Pondycherry ist. Beide haben das integrale Yoga begründet: Die Idee ist, das ganze Leben als Yoga, als spirituelle Praxis zu verstehen, inklusive Arbeit, Beziehungen usw. Es steckt eine komplexe Philosophie dahinter. Aber man muss sie nicht verstehen. Man muss Auroville nicht verstehen. Man kann diesen Ort auch einfach fühlen.

Wir kommen seit vier Jahren fürs Tango-Festival hierher, aber wenn möglich kommen wir früher oder bleiben länger. In Auroville kann ich auftanken für das Leben am Rande der indischen Megacity, in der wir wohnen.

Wir lauschen, noch im Bett liegend, den Vögeln. Einer sitzt auf dem Zaun vor dem Fenster, mit langen weißen Schwanzfedern. Mein Mann sagt mir, wie er heißt und ich vergesse es gleich wieder. Ein paar Atemzüge die Zeit anhalten, bevor der Tag beginnt. Mich freuen, dass meine liebsten Menschen hier bei mir sind. Jeden Tag aufs Neue.

Das Mädchen bekommt ein paar Haferflocken, denn morgens ist der Hunger groß. Es hat einen kleinen Sitzplatz gebaut, mit Koffer und Tischchen. Ich packe Wäsche in einen Beutel. Schon nach drei Tagen müssen wir waschen. Das feuchte Klima, die rote Erde…

Das Mädchen schaukelt in der Hängematte. Moskitos, sagt der Mann. Malaria gibt es nicht hier, aber Dengue. Wir müssen also ein bisschen aufpassen.

Es gibt Frühstück: Omelette und Toast. Wenn ich mich wegdrehe, steckt das Mädchen vier Finger einer Hand in das Schälchen mit der Butter. Uns wäre ja indisches Frühstück lieber, das gibt es hier aber nicht. Wegen der ganzen Gäste aus der westlichen Welt.

Dann rufen wir eine Auto-Rikscha. Das Mädchen jauchzt und quietscht vor Freude. Was gibt es größeres als Tuk-tuk fahren, wenn man 2,5 Jahre alt ist. Wir brausen über die roten staubigen Wege. Rote Erde war hier, nichts als rote Erde. Kaum ein Baum oder Strauch. Jetzt ist das Gebiet eine grüne Oase. Weil Menschen hier Bäume anfingen, Bäume zu pflanzen. In Auroville sieht man, was Menschen schaffen können, die eine Vision haben.

Wir sind beim Daycare angekommen, einem Kindergarten, der auch für Gastkinder ist. Gäste gibt es in Auroville viele: Manche bleiben Tage, andere Wochen oder Monate. Manchmal werden Jahre daraus. Es ist ein komplexer Prozess Aurovillian zu werden, Bürger*in von Auroville. Man braucht Zeit und Geld und Geduld.

Die Daycare liegt im Gebiet Transformation, wo viele Bildungseinrichtungen sind. Ja, die Orte haben besondere Namen hier: Certitude, Sincerity, Unity. Es ein kleiner Bungalow, überdacht und mit einer offenen Seite. Spielzeug, ein Trampolin, ein Sandkasten. Ich mag diesen kleinen Platz sofort und wir haben beschlossen, die Vormittage hier mit dem Mädchen zu verbringen. Der Papa bleibt, ich steige wieder in die Rikscha, fahre zu Marc’s Cafe, wo es den besten Kaffee gibt. Arbeitszeit für mich. Ich liebe es, im Cafe zu arbeiten.

Die Sonne steigt.

Meine Auto-Rikscha steht schon wieder bereit um mich abzuholen. Unterwegs sehe ich, dass am Straßenrand Strohmatten verkauft werden. Wir halten, ich kaufe zwei und freue mich. Man sitzt hier oft auf diesen Matten, sie duften angenehm nach trockenem Gras.

Wenig später kommen wir bei der Daycare an. Es herrscht eine ruhige und angenehme Atmosphäre. Ich sehe Eltern unterm Dach vor dem Bungalow sitzen, von den Kindern nichts zu sehen. Als ich näher komme, sehe ich in dem offenen Raum die Erzieherin. Vor ihr steht eine Kiste mit ein paar Schätzen, darunter eine Kerze. Ihr gegenüber müssen die Kinder sitzen, meinem Blick verborgen. Die Frau, eine Spanierin oder Lateinamerikanerin, singt ein Lied, bewegt in ruhigen Gesten ihre Hände dazu, fast wie in einer eigenen Sprache. Aus jeder ihrer Bewegungen, auch aus dem Klang ihrer Stimme spricht ihre Feinfühligkeit. Voice is also touch, habe ich einmal jemanden sagen hören. Der Klang dieser Stimme ist wie eine sanfte Berührung.

Es scheint ein Abschiedsritual zu sein, zum Ende des Vormittags. Jetzt darf ein Kind die Kerze ausblasen. Dann rennt ein fröhliches Mädchen auf mich zu. Fast bereue ich, nicht selbst den ganzen Vormittag hier gewesen zu sein. Aber dazu werde ich diese Woche noch Gelegenheit haben.

Wir lassen uns mit der Rikscha zum Earth Institute fahren. Dort mieten wir e-Bikes. Sogar einen Kindersitz kriegen wir für ein paar Tage. Mit dem Mädchen in der Trage auf dem Rücken geht es zwar auch, aber so schwitzt man nicht so heftig. Wir schwitzen ja ohnehin schon genug in diesen Tagen.

Während die Räder fertig vorbereitet werden, werfe ich einen Blick in das Earth Institut. Gebäude aus roten Steinen, aus der roten Erde hier gefertigt. Auroville ist voll von ganz besonderer Architektur. Es gibt so gut wie keine Klimaanlagen hier, dafür aber Bauweisen, in denen die Luft gut zirkulieren kann. Am Earth Institute wird offensichtlich über die Erde hier geforscht. Unter einem Dach im Freien sitzen einige junge Leute an Laptops. Drinnen, ich habe nur Zeit für einen kurzen Blick, ist eine Ausstellung: Gläschen an Gläschen voller Erdproben in braun, rot, grau, schwarz. Hier wird geforscht, wie aus diesen Erden gute Baustoffe werden.

Die Räder sind fertig. Mit den Strohmatten, Taschen, Rucksäcken, einem im Sitz einschlafenden Kind, dessen Kopf nach vorne kippt und einem zum Radfahren zu weiten Rock sind wir einigermaßen gefordert. In unserem Zimmer laden wir ab. Das Mädchen macht ein Schläfchen und danach brechen wir zum nahegelegenen Gartencafe zu einem späten Mittagessen auf. Dort gibt es eine Spiel-Ecke, am Waschbecken einen Hocker. Es ist einfach schön, wenn Kinder mitgedacht werden.

Inzwischen ist es vier Uhr geworden. Mann und Mädchen machen sich auf den Weg zum Spielplatz, ich fahre zum Tango-Kurs. P und C aus Italien sind schon vor dem Festival angereist und unterrichten heute. Mitte März werden sie in unserer Stadt unterrichten und bei uns zu Gast zu sei. Ihr Tango ist sehr subtil, beziehungsorientiert, auf Verbindung ausgerichtet, ganz und gar nicht auf Show, Effekt, Figuren. Das mag ich sehr.

Zwei Stunden Tango.

Ich tanze gerade den letzten Tanz, als ich meine Tochter höre. I want eat, sagt sie sehr bestimmt. Die beiden sind hier, um mich abzuholen.

Die Sonne sinkt.

Also schnell mit den Rädern nach Hause, bevor es dunkel wird. Die kleineren Straßen hier sind nichts als staubige Wege ohne Beleuchtung und wir haben keine Lichter. Im Gästehaus kriegen wir nichts zu essen, der Mann der Köchin ist krank. Also nochmal los mit der Auto-Rikscha. Das Mädchen kreischt vor Begeisterung. Als uns auch noch eine Kuh den Weg versperrt, ist ihr Glück vollkommmen.

Wir essen am Visitors Center. Als wir danach wieder auf unsere Rikscha warten, spielt das Mädchen mit einem anderen Kind. In diesen Tagen wird mir deutlich wie sehr sich Kinder über Körpersprache annähern, besonders, wenn es keine gemeinsame Sprache gibt. Ein Kind macht ein Angebot, geht auf das andere zu, wartet ob es reagiert. Imitiert eine Handlung des anderen Kindes, wartet was passiert. Schon nach wenigen Minuten haben die beiden ein Spiel gefunden, sie balancieren auf einem schmalen Absatz entlang.

Währenddessen kommen wir mit dem Vater ins Gespräch. Die Familie lebt in Sikkim, sagt er, verbringen aber das halbe Jahr etwa hier. In Sikkim haben sie die Natur, aber keine guten Schulen. Es geht nur darum, möglichst schnell möglichst hoch zu zählen. Wir nicken, wir kennen das aus den Schulen und Kindergärten hier. Also machen sie unschooling, das heißt die Kinder lernen im Alltag, aber nicht in einer Schule.. Wenn sie aber hier sind in Auroville, nehmen sie alles mit, was es hier an Angeboten gibt. Und hier gibt es tolle, besondere Schulen.

Ich würde gerne noch viel mehr vom Leben dieser Familie erfahren, aber unsere Rikscha ist da. Wir fahren nach Hause und als das Mädchen schließlich schläft, sind wir ebenfalls müde.

Der Tag endet mit Donnerschlägen um Mitternacht. Im Tempel des nahegelegenen Dorfes wird wieder gefeiert mit Trommeln, Feuerwerk und Masken, wie man uns am nächsten Tag erzählt. Indien ist ein lautes Land, in dem es doch Menschen und Orte tiefer Stille gibt. Auroville zum Beispiel.

Mehr gebloggte Tagebucheinträge über den 5. März hier bei Frau Brüllen.

Ein Gedanke zu „Ein Tag im März in Auroville oder #WMDEDGT“

  1. Liebe Anka,
    es entstehen sofort lebendige Bilder, wenn ich Deine Texte lese. Gerüche, Geräusche, Bilder.
    Ich bin so gespannt, wie es Dir zurück in D ergehen wird! Wieder ein anderes Lebenstempo, andere Geräusche, Geschmäcker und Farben. Ich fühle mich angeregt, meine Alltagsbrille “Kenne ich alles doch” abzusetzen.
    Danke
    Bis ganz bald, Theresa

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