Öl auf meiner Haut

Die Nachbarin hat einen Termin für mich ausgemacht: ayurvedische Massage. Um 12 Uhr bist du dran, sagt sie. Nur ich, frage ich? Eigentlich wollten wir das unbedingt zusammen machen, nur wir beide, währen die Kinder mit den Männern sind.

Aber die Nachbarin hat ihre Tage. Sie machen das nicht, wenn man blutet, erklärt sie mir. Die meisten haben keine Tampons, fügt sie hinzu. Ich habe ihr erst vor ein paar Tagen einen großen Beutel mit Tampons vermacht. Die hatte ich mitgebracht bei der Einreise, denn Tampons, sagte man mir, seien schwer zu kriegen. Die Nachbarin hat das bestätigt. Die, die es hier gibt, sind schlecht produzier, taugen nicht. Viele Frauen hier haben nicht einmal Zugang zu Binden, was in der kürzlich preisgekrönten Dokumentation Period. End of Sentence (zu sehen auf Netflix) unter anderem beschrieben wird. Darin wird die Geschichte einer Frau erzählt, die Polizistin werden will. Frei sein. Nicht heiraten. Diesen Traum will sich sie sich verwirklichen in dem sie Geld verdient, dank einer kleinen Maschine, mit der man Binden herstellen kann. Frei sein hat eben auch damit zu tun, ob man Zugang zu Binden oder Tampons hat.

Es ist Sonntag und ich sitze mit der Nachbarin im Wartebereich des Massagesalons. Männer und Kinder sind in der Shopping Mall ein paar Minuten weiter, zur Freude der Kinder, zum Leid der Männer. Wir sprechen wieder über Menstruation, was Frauen in traditionellen hinduistischen Haushalten alles nicht dürfen während sie menstruieren: Nicht in den Tempel. Keine Gegenstände berühren, die für das Puja, das Gebet verwendet werden. Kein Essen kochen. Manchmal nicht mal die Küche betreten.

Weißt du, sagt die Nachbarin, dass war eigentlich auch zum Schutz der Frauen so. Für 5 Tage im Monat durften sie sich zurückziehen. Mussten gar nichts machen. Sie konnten sich ausruhen.

Man bringt uns ein Glas Wasser, und ich warte ab, ob die Nachbarin es trinkt. Falls sie es trinkt, trinke ich es auch. Dann müsste es sicher sein. Ich weiß nie, wo das Wasser sicher ist und wo nicht. Erst neulich las ich wieder in der Zeitung von einem Dutzend Menschen, die an verschmutztem Wasser starben. Bei uns um die Ecke. Und an Eis, das aus dem Wasser hergestellt war, starben auch noch einige. Ich habe in Indien kaum je Eis gegessen. Dieser Argwohn, diese Angst – sie begleiten mich immer.

Ich werde aufgerufen, zwei zierliche Frauen nehmen mich mit. Sie führen mich in einen dunklen Raum ohne Tageslicht, nur durch einen kleinen Ventilator-Schacht fällt quadratisch ein bisschen Licht ins Zimmer. Eine Uhr hängt schief an der dunkelgrün gestrichenen Wand. Im Zentrum des kleinen Raums steht eine hölzerne, ergonomisch geformte Liege mit geschnitzten Verzierungen. Ein eindrucksvolles Möbel. Die Frauen können kein Englisch, sie bedeuten mir mit den Händen, meine Tasche auf einer schmalen Anrichte abzustellen. Ich suche zwischen den feuchten und öligen Stellen eine trockene und setze dort die Tasche ab. Dann geben sie mir eine Art Lendenschurz und ein Handtuch und zeigen mir das kleine Bad. Die Handtücher seien „ziemlich sauber“ hatte die Nachbarin gesagt. Und tatsächlich ist das weiße Handtuch tadellos.

Mein Blick schweift durch das Bad. Inzwischen kann ich unterscheiden, ob ein Bad einfach heruntergekommen ist, inklusive Dreck, der nicht mehr weggeht, dunklen Kalkstreifen, Verwitterungsspuren oder ob es wirklich ungeputzt ist. Ich checke jedes Bad, jede Toilette, auf die ich gehe, mache mir ein Bild von seinem hygienischen Zustand bevor ich es benutze. Ein sehr deutscher Kontrollblick, ich bin ihn auch in vier Jahren hier nicht losgeworden. Es ist einfach so. Meistens bemühe ich mich, nichts zu berühren. Oft steigt Ekel in mir auch. Er gehört zu den schwierigsten Gefühlen, die ich in der Zeit hier erlebt habe. Wahrscheinlich habe ich dieses Gefühl vorher gar nicht so genau gekannt. Hier erst habe ich es so richtig kennen gelernt. Es zeigt mir, wenn es zu viel wird: zu viel Dreck, zu viele Menschen, zu viel Lärm, zu viel Verkehr. Ekel zeigt, dass eine Grenze überschritten wurde, welche auch immer.

Die halbhohen Fließen haben Brüche, die Wände darüber sind giftgrün und schmutzig. Aber die Toilette ist sauber, das Waschbecken auch. Es ist okay. Ich ziehe mich aus, hänge meine Kleider über die Duschstange. Dann binde ich den Schurz um und hülle mich in das Handtuch. Ich hätte auch ohne Handtuch aus dem Bad komme können. Aber ich weiß nicht genau, wie es ist mit Nacktheit, ob man nicht lieber so wenig wie möglich davon zeigt. Die Nachbarin jedenfalls drehte sich weg, als ich neulich in ihrer Gegenwart ein Kleid anprobierte. Und Bikinis sind hier ja auch einigermaßen gewagt.

Die Frauen setzen mich auf einen Holztritt, auf dem ein weinrotes Handtuch liegt. Dann beginnt eine, warmes Öl in meine Kopfhaut zu massieren. Ich spüre ihre kräftigen Finger, ich sehe noch einen Moment das dämmrige Licht im Zimmer, dann schließe ich die Augen. Die Frau zieht an meinen Haaren, tränkt sie in Öl, und als ich wenig später auf der Liege Platz nehme, wird mein ganzer Körper mit reichlich Öl übergossen. Zwei Frauen massieren mich jetzt synchron, immer wieder schütten sie heißes Öl auf meine Haut, so dass ich ob der Wärme kurz erschrecke. Dann spüre ich schon wieder die kräftigen, raschen Bewegungen von vier Händen, die das Öl verteilen. Auf und ab, rund herum, ständig sind diese Hände irgendwo anders.

Mir läuft das Öl in die Augen, schon ist eine von ihnen da und tupft meine Augen sanft mit einem Handtuch, streicht den damit den Saum meiner Lider entlang. Zwischendrin blinzle ich, sehe die konzentrierten Gesichter der beiden, die sich nur ab und zu ein paar Worte zuflüstern. Diese Frauen haben etwas von der besonderen Anmut mancher Frauen Indiens, eine besondere Form von Schönheit, die ich nirgendwo sonst je sah. Ich sehe meine im Zwielicht glänzenden Arme, dann schließe ich wieder die Augen. Eine Dreiviertel Stunde ich liege ich so da, werde durchgewalkt und rutsche auf der nun glitschigen Liege hin und her. Es ist einer der Momente, die nach vier Jahren rar geworden sind, ein Moment indem ich plötzlich wieder wahrnehme, dass ich in Indien bin, hier gelebt habe, so lange schon. Wie bin ich bloß hierhergekommen?Was hat das alles zu bedeuten?

Die Massage hat etwas archaisches, aber vielleicht haben das alle Massagen. Ich versuche sie mit anderen Massgen, die ich kenne zu vergleichen, aber es fällt mir schwer. Eigentlich ist sie nicht sehr spektakulär, nur irgendetwas an den Bewegungen und Berührungen der Frauen, irgendetwas an diesem nach Kräutern und Gewürzen duftenden Öl lässt mich immer tiefer in das Zwielicht sinken als sei dort im Halbdunkel ein Ort, an den ich gehöre.

Als die Frauen fertig sind, führen sie mich von der Liege zu einem braunen Kasten auf der anderen Seite des Raumes. Erst als sie die Türen öffnen begreife ich, dass es das ein Dampfbad ist. Sie setzen mich auf einen Hocker und schließen die Türen, nur mein Kopf guckt heraus aus einer eigens dafür ausgesägten Öffnung. Nicht, dass ich nicht genügend Hitze erlebt hätte die letzten Monate. Aber das ist etwas anders. Ich weiß nicht wo der Dampf herkommt, an den Seiten scheint es heißer zu sein aber ich wage es nicht, mich zu rühren. Ich streiche mit den Armen über meinen öligen glitschigen Körper und denke an die Hitze da draußen, jenseits des kleinen Ventilatorschachts, die von Massen an Autos und Motorrändern noch zusätzlich gesteigert wird. Diese Hitze hier ist angenehm. Aber dennoch wird sie mir nach ein paar Minuten zu viel. Ich fühle mich seltsam beklommen und eingesperrt, auch das ein nur zu vertrautes Gefühl, das zu meiner Zeit hier in Indien gehört, und ich muss ein wenig lächeln, wie diese Massage nochmals einige der schwierigsten Gefühle an mir vorbeiziehen lässt, die ich mit der Zeit hier verbinde.

Schnell rufe ich eine der Frauen, bitte sie, mich aus meinem dampfenden Gefängnis zu entlassen, gehe zurück ins Bad. Bucket Shower, das heißt ein Eimer mit Wasser und ein kleine Plastikkanne, mit der ich mich übergießen kann. Was für ein Genuss ist diese Dusche. Wieder und wieder seife ich Haare und Körper ein und genieße die sanfte Kühle des Wassers – richtig kaltes Wasser ist in dieser Jahreszeit aus keinem Hahn zu erwarten. Ich fühle mich sauber wie lange nicht mehr, als sei diese ganze giftige Luft, die mich umgibt, der ganze Dreck, endlich aus meinem Gewebe geknetet und gespült worden.

Ich verlasse den Salon mit brennenden Augen, immer noch ist Öl darin. Ich sehe auf der Leine die Handtücher des Massagesalons trocknen und gehe die kurze Strecke zur Mall gehe, um die anderen wieder zu treffen. Das Erstaunliche: Die Sonne, die auf die Straße herunterknallt scheint plötzlich nicht mehr so heiß. Der Mann, der mich belästigt, lässt sich mit klarer Ansage und Körpersprache mühelos abwimmeln. (Früher hätte ich mir die Dupatta über den Kopf gezogen. Und das hätte gar nichts genutzt). Die verkehrsreiche Straße überquere ich mit der Ruhe eines Büffels. Und selbst die vollgestopfte überfüllte Mall mit ihrem aufdringlichen Lärm scheint nicht so richtig zu mir durchzudringen.

Diese Masseurinnen, denke ich mir. Mit ihren Händen und ihrem Öl haben sie mir endlich, nach vier Jahre Indien, verraten wie man mit der Aufdringlichkeit, der Grenzenlosigkeit, der Überfülle und dem Lärm dieses Landes umgeht. Wie man es schafft, in Indien zu leben, die eigene Mitte zu bewahren, in all der Unbill. Was für ein Jammer nur, dass das erst eine Woche vor Ausreise geschah.

Als ich meine Lieben wiederfinde, sehe ich die Anstrengung vor allem in den Gesichtern der Väter. Der Wahnsinn einer Shopping Mall in Indien im 21. Jahrhundert. Der Salon mit seiner Holzpritsche scheint mir wie aus einem anderen Jahrhundert. Alles ist in Indien gleichzeitig, nebeneinander.

Kommt Kinder, rufe ich, jetzt kaufe ich uns allen ein Eis. 

4 Gedanken zu „Öl auf meiner Haut“

  1. Hach..ich lese Deine Berichte so gerne. Es ist also tatsächlich so, dass man als Frau immer belästigt wird. Krass. Wie geht man damit um? Darf man den Mann anschreien und wegschubsen oder wird man dann als Frau angezeigt? Und ist das ein Bildungsproblem oder machen es auch gebildete Männer aus höheren Schichten und es liegt an der Rolle und dem Status der Frauen???

    Sooo viele Fragen. Sammel sie doch mal von deinen Lesern….und dann schreibst Du ein Buch ….das wär toll.

    Ganz liebe Grüsse Lina

    1. Lieben Dank, Lina, für Deine Fragen und Dein Feedback…also die Lage der Frauen und Männer ist natürlich sehr komplex und kompliziert und meine Erfahrung wieder nur ein winziger Ausschnitt. Ja, ich habe Belästigung erlebt und auch die meisten westlichen Frauen, die mich besucht haben, haben davon berichtet. Gleichzeitig kann ich diesem komplexen Thema hier natürlich nicht gerecht werden. Doch die Situation der Frauen gehört zu den Dingen, die mich mit am meisten geschmerzt haben in Indien.

  2. Ich werde sie sehr vermissen, deine Notizen, Eindrücke, Gedanken von dieser mir ganz unbekannten Welt. Durch deine Erzählungen wurden mir die Augen und das Herz geöffnet und ich konnte ein wenig nachspüren was du meinst. Näher werde ich Indien wohl nie kommen – vielen Dank dafür- und gutes Ankommen Deutschland!

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