Herbst-zeit-los. Eine letzte Notiz aus dem Dazwischen.

Es ist Herbst. Der erste Herbst nach vier Jahren, und ich versuche dem Mädchen, das nur Monsun, Hitze und Trockenheit kennt, die Jahreszeiten in Europa zu erklären. Ich rede von Blättern und Laternen, Kastanien und Äpfeln, kalten Regentagen und heißem Kakao, während ich Kisten öffne, und Spielzeug heraushole, Spielzeug, das das Mädchen in den drei Monaten, die wir jetzt hier sind, schon vergessen hat, jetzt aber mit großen Augen ansieht.

Und während die Jahres-Zeit verrinnt, ist es in mir zeitlos irgendwie, fast als ich hätte ich die Zeitlosigkeit der Inder in mich aufgenommen, als schwämmen sie alle in mir, die ganze Milliarde, in einem zeitlosen Meer aus Zeitlosigkeit. 

Jetzt, wo ich heraus bin aus dem Walfischbauch, wo ich der brennenden Welt gegenüberstehe, in der kleine Mädchen gegen Giganten kämpfen, jetzt also hat sich alles umgedreht, jetzt ist das Meer in mir, in dem vorher der Fisch schwamm, der mich gefangen hielt. 

Wir sind allmählich wirklich wieder da. Auch unsere Kisten kamen, erst mit dem Schiff, dann mit dem Laster. Sie verschwanden alle in einem Zimmer und wir schlossen erstmal die Tür. Jetzt aber holen wir eine nach dem anderen wieder heraus, öffnen sie, staunen. Eine Fließe aus Jaipur ist zerbrochen, aber das ist – bisher – auch schon alles. 

Das Mädchen geht in den Kindergarten, schickt mich jetzt des morgens nach zwei Minuten nach Hause und weist mich an zu warten, wenn wir sie abholen. Erst den Apfel aufessen, erst den Sandkuchen backen. Unbekümmert redet sie auf Englisch auf alle Kinder ein, flicht neue Worte ein wie Matschehose, Schaufel, guck mal oder warte. Ihr kleiner indischer Freund immer an ihrer Seite und mehrmals täglich muss ich Platz machen, weil er sonst keinen hat. 

Wir sind allmählich wirklich wieder da und schwimmen mit unserer Zeitlosigkeit an gegen den Takt und das Tempo, das hier durch Tage und Wochen braust, voll von Terminen, To do’s, und Geschäftigkeiten, die wie dicke Klumpen im zeitlosen Wasser schwimmen. 

Wir sind allmählich wirklich wieder da.

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