Alles erinnert stets an sein Gegenteil. Eine Unterhaltung in Goa.

Ein Cafe in Goa. Es gibt English Breakfast und Waffeln, weiße Leuchtsterne und Palmen.

Ich trinke Kaffee, den ersten seit Tagen. Auch wenn er nicht schmeckt, schmeckt er. Ich kaue an einem zähen Toastbrot. Auch wenn es nichts besonderes ist, ist es besonders. Drei von vier Tagen in Goa habe ich im Bett verbracht und diesen vierten Tag feiere ich. Drei Tage habe ich Aloo Parata gegessen und Dal Makhani vom einzigen Lieferservice, bei dem jemand deutsch sprach. Heute esse ich Baked Beans und Rührei und freue mich.

Das Cafe ist nicht sehr bevölkert, die Tische weit verstreut. Es ist grün, die Sonne scheint heller als bei uns in der Stadt, die Straße hört man kaum.

Das Mädchen baut einen Zug aus allen verfügbaren Plastikstühlen und wirft mit Kieseln um sich.

Lass mal sein, sagen wir, und gucken entschuldigend zum Nachbartisch, in dessen Richtung gerade ein paar Steine folgen. Dort sitzt eine andere Familie. Mutter, Vater und ein etwa 3jähriger Junge. Macht nix, sagen die. Kennen wir.

Der Junge teilt sein frisch gekauftes Plastikspielzeug mit dem Mädchen.

I hate Plastik, sagt die Frau.

Ich auch, sage ich.

Sie seufzt. Was hat man hier schon für eine Wahl. In Deutschland gibt es tolles Holzspielzeug.

Ja, sage ich. Wir haben jetzt den ersten Ikea Indiens bei uns in unserer Stadt. Da haben wir eine Holzeisenbahn gekauft.

Die Frau nickt wissend.

Seit x Jahren kommen sie und ihr Mann an Weihnachten nach Goa. Hier, in Candolim, haben sie geheiratet. In den nächsten Tagen kommt ihre Familie hier zusammen. Sie leben in San Fransisco, sind aber in Indien geboren und aufgewachsen.

Kenne ich, sage ich. Wenn man von so weit her kommt, muss man alle am einem Ort zusammentrommeln, die man sehen will.

Wo ist zu Hause, frage ich?

Indien, sagt der Mann sofort. Meine Eltern haben sich in Deutschland kennen gelernt. Mein Vater ist Inder. Meine Mutter ist Finnin. Mit unserem Sohn sprechen wir Hindi. Meine Mutter hat in Pune Deutsch unterrichtet, wo wir lebten damals.

Pune, Hyderabad, Banagalore, sagt die Frau. Ach, das waren so schöne Städte. Ruhig, beschaulich. Aber jetzt?

Ich weiß schon worauf sie hinaus will.

Pollution. Overcrowded.

I know, sage ich.

Wo seid ihr her, fragen sie uns.

Wir erzählen wo wir leben und warum.

Das Mädchen schippt Steinchen in das Plastikboot. Der Junge ist mit dem Plastiklaster beschäftigt.

Ihr seid mutig, sagt die Frau. Mit Baby in Indien zu leben.

Das hat auch viele Vorteile, sage ich: Hilfe im Haushalt und damit viel Zeit fürs Baby. Und Kinder sind überall willkommen hier.

Ach und das mit dem Plastik, sage ich. Ja, es ist furchtbar. Trotzdem darf man nicht vergessen, dass unsere Länder immer noch sehr viel mehr Ressourcen verbrauchen als der Durchschnittsinder.

Stimmt, sagt die Frau.

Es ist eben immer komplizierter, als es zunächst aussieht.

Alles erinnert stets an sein Gegenteil.

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