Ein Samstag im Januar oder #WMDEDGT

Erst der Muezzin. Dann die Rufe des Mädchens. Dann Trommeln. Eine Hochzeit irgendwo. Die Trommeln hört man, selbst wenn sie kilometerweit entfernt sind. Dann wird es hell.

Es ist der 5. des Monats und damit einer der Tage, an dem Frau Brüllen, was wir eigentlich den ganzen Tag gemacht haben heute. Mehr Tagebucheinträge sind auf ihrem Blog verlinkt. 

Wir machen Pfannkuchen. Ich will Apfel- und Mangomus mischen, aus dem Tiefkühlfach. Das Mangomus riecht komisch, weil es in Wirklichkeit Kürbissuppe ist. Draußen frühstücken, auf dem Tapchan aus Bambus.

Die Pfannkuchenreste bringen wir raus, auf den kleinen Platz zwischen unseren Häusern. Und dann dehnt sich wieder eine Stunde, bis lauter Glück und Freude darin Platz hat. Kinder, die den Pfannkuchenteller umzingeln. Aber keine Pfannkuchen kennen. Und einige davon dürfen nicht probieren, weil Ei darin ist. Vegetarier in Indien essen kein Ei. Mit der Nachbarin auf der Matte sitzen unterm Baum. Wir essen Pfannkuchen, Apfelmus, Kaffee.

Dann umzingeln die Kinder die Nachbarin, denn die pflanzt Kartoffeln in einen Trog. Lauter kleine Helferlein. Erst Erde mit Stroh mischen. Jetzt die Erde hierein. Dann die Kartoffeln in die Erde legen. Mit dem Auge nach oben. Ein bisschen Wasser. So macht man das. Die Nachbarin gießt das Wasser aus dem Krug auf ihre Hand, schüttelt diese, so dass das Wasser in Tropfen und Spritzern auf die Erde fällt und nicht in scharfem schwerem Strahl.

Kinderhände, die in der Erde wühlen.

Am feinmaschigen Netz der Zeit ziehen, bis es durchlässig wird. Schattenspiele.

Dinge beobachten, wenn gerade keiner hinsieht. Was treiben die Dinge, wenn niemand guckt?

Pläne schmieden, umwerfen, beschließen. Nach Hause rennen. Mädchen, deine Kleider sind schon wieder dreckig, komm, wir ziehen was anderes an. Wir steigen gleich alle ins Auto. Die Jungs stürmen das Haus. Wir sind schon fertig. Wir nicht, sage ich. Chaos bricht aus. Zwei Stunden verbringen wir bei Kidsmania, eine play area, indoor. Eine schrille Plastikhölle. Ich denke an Waldspielplätze. Und dennoch kann ich es genießen. Es ist noch nicht viel los, es ist sauber. Auch das lieben, was anders ist. Auch dann, wenn es nicht immer den eigenen Werten entspricht. Wenn man das nicht mag, braucht man nicht weggehen, von zu Hause. Und lernt aber auch nichts.

Warum hat das Baby so ein riesiges schwarzes Bindi, frage ich die Nachbarin. Das ist gegen den bösen Blick, sagt sie. Man macht mit Kohle einen großen Punkt aufs dritte Auge. Damit sie geschützt sind, die Kinder.

Nach zwei Stunden in der schrillen Plastikhölle sind sie vor allem hungrig und müde, die Kinder.

Später dann fällt der Tag auseinander. Bricht wie ein Keks in Stücke und krümelt aufs Sofa. Ruhen. Spazieren mit dem Nachbarshund. Ein improvisiertes Abendessen.

Und als es schon längst wieder dunkel ist: Wieder Lärm. Jemand schreit durch ein Megaphon, eine Menge antwortet. Wieder irgendwas mit Hochzeit?

Indien ist ein lautes Land.

Wo es so laut ist lernt man, was Stille ist.

Denn alles erinnert stets an sein Gegenteil.

2 Gedanken zu „Ein Samstag im Januar oder #WMDEDGT“

  1. Obwohl ich nicht in Indien, sondern Indonesien lebe und noch kinderlos bin, komme ich doch immer wieder gern hierher. Und entdecke so viele Parallelen: Die lärmenden Hochzeiten, die Räucherspirale gegen die Moskitos, Reisfelder und viel im Haus verbrachte Zeit. Ich freue mich, Neues zu lernen und mich in Gemeinsamkeiten wiederzufinden. Danke dafür und alles Gute weiterhin!
    Beste Grüße von Steffi

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