Die Weberin

Hände, Füße, Kopf und Augen – alles muss zusammenarbeiten, sagt die alte Frau mit ihren strahlend weißen Zähnen. Wir stehen in ihrem Haus, einem einfachen kleinen hellblauen Holz mit einem großen Raum. In der einen Ecke steht der Webstuhl, in der anderen zwei einfache Betten. Auch die winzige Küche befindet sich in diesem Raum, Krüge und Schüsseln aus Edelstahl und ein Gaskocher mit zwei Kochstellen. Der Boden ist aus blankem Stein. In einer Ecke steht ein Korb mit Knoblauchknollen. Es ist ein bescheidenes Häuschen, aber es ist sauber gefegt und auf eine schlichte Weise schön.

Wir sind in einem Dorf etwa 1,5h Autofahrt von der Stadt entfernt. In diesem Dorf leben viele Menschen vom Weben. Ikat wird hier gewebt, auch das seltene Doppel-Ikat. Ikat ist eine Webtechnik, bei der das Garn schon vorher in verschiedenen Farben gefärbt wird, so dass sich beim Weben Muster ergeben. Baumwolle und Seide werden hier gesponnen, gefärbt und verwoben. Hergestellt werden Saris, Bettwäsche, Meterware. Es ist eine herrliche und wunderschöne Handarbeit. Aber sie ist auch sehr mühselig und heute nicht mehr sehr lukrativ. Die meisten hier sagen ihren Kindern, dass sie besser etwas Anderes lernen sollen. Wie in Europa schon lange geschehen, verdrängen industriell hergestellte Produkte das manuelle Handwerk. Doch es gibt auch ein Bewusstsein dafür, wie kostbar diese traditionellen Gewerke sind und staatliche und privatwirtschaftliche Unternehmungen, um sie zu bewahren.

Woher sie ihr Handwerk gelernt habe, fragen wir die alte Frau. Von ihrer Familie natürlich! Nichts davon kann man in einer Schule lernen. Das Wissen wird nur mündlich weitergeben, von Generation zu Generation. Wie viele Saris sie in ihrem Leben gemacht habe, fragen wir sie, während sie erklärt, wie der Webstuhl funktioniert. Ach, das wisse sie nicht. Aber sie mache etwa 6 Saris im Monat. Für jeden bekomme sie 1000 Rupien. Diese Art des Webens ist langwierig und mühsam, nur langsam geht es voran.

Ob es ein Stück gibt, an das sie sich besonders erinnert, fragen wir. Ja, sagt sie, verschwindet im hinteren Teil des Raums und kommt mit einem Seidensari zurück. Burgunderrot und Senfgelb ist er, eine ungewöhnliche Farbkombination. Die meisten Saris, die ich hier sehe, sind in typischen indischen Knallfarben: pink, rot, orange. Hellgrün. Gelb. Sie könne sich diese Saris nicht leisten, sagt die alte Frau, aber einen einzigen habe sie. Diesen. Weil ihr die Farben so gefallen.

Komm raus, hilf mir bei der Arbeit ruft ihr Mann, der draußen auf der staubigen Gasse das Garn zum Trocknen aufspannt. Ich komme gleich, ich muss denen erst was zeigen, ruft sie und bindet mir den Sari um. Mir wird sofort warm unter den dicken seidenen Stofflagen. Die Frau lächelt glücklich, wie gut mir der Sari steht.

An diesem Tag kaufe ich meinen ersten Sari.

 

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