Tage wie dieser oder wie ein Mann sich ans Klavier setzt und spielt.

Vor ein paar Tagen, ein Sonntag, gehe ich mit meiner Tochter morgens zum kleine Quartiersbäcker, Brötchen holen. Kein richtiger Bäcker ist das, sondern nur ein kleiner Laden, in dem Sonntag für Sonntag Brötchen aufgebacken werden. Ein Sofa steht darin, ein Klavier und eine kleine Candy-Bar.

Warum auch immer, uns schmecken die Brötchen hier am besten und die Croissants können am ehesten mit den besten Croissants überhaupt mithalten, an die wir uns in Indien gewöhnten, und die waren wirklich gut. Ja, tatsächlich. Im Gegensatz zu Indien aber müssen wir nicht unseren Fahrer losschicken der sich eine Stunde lang durch den Verkehr quälen muss, sondern wir schlendern nur kurz einmal über die Straße, zu C., die diesen Laden hat und uns freudig begrüßt. C ist aus Brasilien und deswegen stehen in ihrem Lädchen Kakaobohnen in einer Schale auf dem Klavier und in der Brötchenauslage liegen Käsebällchen.

An diesem Sonntag nimmt das Mädchen das kleine Fahrrad, kurvt um mich herum und klingelt in den Sonntagmorgen hinein. Es ist spät, wir haben lange geschlafen, und deshalb ist die Schlange in C.’s Lädchen lang. Bis zur Tür stehen die Leute.

Da löst sich jemand aus der Schlange, ein Mann, der auch mit seiner Tochter da ist – ich habe die beiden schon auf dem Weg hierher gesehen, sie liefen direkt vor uns, sie mit dem Einrad und er, ihr immer wieder hinaufhelfend, wenn das schrille Läuten meiner Tochter sie ein wenig aufgeschreckt vom Rad springen ließ.

Jedenfalls, er geht zum Klavier mit den Kakaobohnen drauf, die in ihrer Schale liegen wie beleibte Passagiere auf einem kleinen Schiff, mit dem sie zwischen den Brötchenhungrigen hindurchschippern. Er geht und öffnet den Deckel und murmelt etwas von Früchstücksmusik und dann spielt er.

Er spielt für sich, die Warteschlange, seine Tochter, für diesen Sonntag oder vielleicht nur einfach um der Musik willen oder ganz genau für mich, die ich nichts lieber möchte als beim Bäcker stehend von Musik überrascht zu werden, einer frei fließenden Musik auf den Händen eines Vaters. Er spielt so, dass man meint, es flössen Farben aus seinen Händen und malten ein Bild in die Luft. Ein Lied von den Beatles und ein Lied, das ich nicht kenne und ein Thema aus dem unvergleichlichen Köln Concert von Keith Jarret.

Und ich denke, der Tag könnte gerade gut schon zu Ende sein, denn er ist jetzt schon, bevor ich gefrühstückt habe, derart vollkommen.

Der Tag aber wird noch lang, und, was ich nicht weiß in diesem Moment, er geht so weiter, in derselben glückseligen, wie von allein über die Tasten gleitenden Energie, als sei das Leben ein Fluß aus Musik, mit einem Schiff mit Kakaobohnen darauf, süß und bitter zugleich und so stark im Geschmack, dass man ihn nie wieder vergisst.

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