Wie ich einmal unbedingt ins Textilmuseum wollte

In Ahmedabad, sagte man mir, gibt es ein Textilmuseum. Ein wirklich weltberühmtes Museum. Unglaublich, sagte man mir, was es da zu sehen gibt. Und so kam es, dass das Textilmuseum in Ahmedabad ganz oben auf meiner Liste war. Dieser Liste von Dingen, die ich in Indien sehen will. Noch vor dem Taj Mahal, den Leichen in Varanasi, den Yoga-Hippies in Goa stand da wirklich ganz oben auf der Liste das Museum in Ahmedabad.

Letztens war ich in Ahmedabad, gerade mal 26h, lang, für eine Nacht. Mein Mann hatte da zu tun, also flogen wir mit, das Mädchen und ich. Solche Ausflüge machen wir sonst nie, allein schon wegen unsere ohnehin schon schlechten Ökobilanz ob der Fliegerei. Aber das Museum in Ahmedabad ist eben die Nummer 1 auf der Liste. Aufs Taj Mahal werde ich wohl verzichten, ebenso wie auf vieles andere. Eben weil ich nicht ständig in Indien herumfliegen will.

Wir übernachten in einem wunderschön hergerichteten Haveli in der Altstadt. Heiß ist es hier immer noch. Ich schlafe schlecht und erwache schwitzend, schlecht gelaunt und gerädert. Mein Mann muss früh los. Wir, das Mädchen und ich, verziehen uns nochmal nach oben in unser Zimmer. Auf 9.30 haben wir eine Autorikscha bestellt.

Um 9.20 schläft das Mädchen zu meiner Überraschung wieder ein. Da ich selbst so müde bin, habe ich nicht wirklich etwas dagegen. Mit einem müden Mädchen losziehen macht auch keinen Sinn. Ich bezahle den Rikschafahrer und schicke ihn wieder weg. Ich lege mich selbst nochmal hin und lausche den Geräuschen. Es herrscht eine friedliche, lebendige morgendliche Atmosphäre. Später gehe ich auf den Balkon und betrachte die Szenerie. Eine Frau wäscht Wäsche, zwei Männer unterhalten sich, einander zurufend von Hausdach zu Hausdach. Gegenüber hantiert jemand in der winzigen Küche, ich sehe das blecherne Geschirr im Regal. Jemand gießt einen Eimer Wasser auf die Straße, jemand sitzt im Schneidersitz auf dem Boden und liest Zeitung. Böden werden gefegt, Zähne geputzt. Motorräder rollen langsam in den engen Hof und verlassen ihn wieder. Es ist so sehr Indien und hier ist ein anderer Zauber als in der schnell wachsenden Megacity in der wir leben.

Das Mädchen schläft bis um 12! Um kurz nach 12 dann sitzen wir in solch einem ruckelnden lauten Gefährt. Das Mädchen jauchzt vor Freude, ich sehe dem Treiben Ahmedabads zu und freue mich auf das Museum. Aber erst Mittagessen! Mit einem vollen Magen wird das Mädchen viel geduldiger sein.

Wir lassen uns am House of MG absetzen. Ich will in den zweiten Stock, denn dort gibt es Tali und ich mag Tali wirklich sehr gerne. Tali heißt ganz viel verschiedenes Essen, von jedem ein bisschen, in hübschen kleinen Schälchen aus Messing oder Kupfer.

Bevor wir in den Aufzug steigen um ins Restaurant zu gehen, entdecke ich einen wunderschönen Laden in dem Gebäude. Da verbringen wir eine Weile, kaufen ein bisschen ein. Es kommt nicht so oft vor, dass ich hier Läden finde mit Dingen, die mir wirklich gut gefallen und die wirklich gut gemacht sind und die dann auch noch einen angemessenen Preis haben. Ich bin bestens gelaunt, als wir in den Aufzug stiegen.

Das Tali, das mir dann serviert wird, ist das beste was ich je in Indien hatte. Ein Gang nach dem andern. Das Mädchen und ich schwelgen. Es beginnt mit einer duftenden Rose, es endet mit Mandeleis. Ich genieße.

Jetzt aber endlich zum Museum! Dreimal verfährt sich der Rikschafahrer, drei mal dreht er wieder um. Dann hält er vor einem Tor. Das Tor ist geschlossen. Der Rikschafahrer sagt irgendwas, aber er spricht wirklich überhaupt kein Englisch. Ich spreche einen Mann an, den einzigen, der vor dem geschlossenen Tor steht. Das Museum hat nur von 10.30 bis 12.30 offen, sagt er mir. Und man komme auch nur mit Voranmeldung hinein.

Meine Laune ist so gut und der Tag bis zu diesem Moment ebenfalls, dass ich mich nicht beirren lasse. Wir fahren zu einem berühmten Jain Tempel und scheuchen dort die Tauben weg. Dann zurück zum Hause des MG. Dreimal habe ich dieses Haus nun besucht. Dieses Mal will ich in das kleine Textilmuseum, das im selben Gebäude ist. Es hatte vorhin noch nicht offen, jetzt aber schon. Wenigstens diese kleine Museum, wenn schon aus dem großen nichts wird. Durch die Tür kann ich schon einen Blick werfen auf die Schätze, die da zu sehen sind. Dann werde ich abgewiesen. Keine Kinder erlaubt. Alles Bitten und Betteln nützt nichts. Wir dürfen nicht rein. Schrieb ich nicht erst neulich, dass Kinder in Indien nie stören?

Also fahren wir zurück zu unserem Haveli, in die Altstadt. Wir plaudern mit den Hausherren und verplempern die Zeit. Das Mädchen stapelt Kissen und turnt herum. Es ist wirklich ein wunderschönes Interieur hier, und dennoch kommt kein Blick, kein Wort der Ermahnung. Stattdessen wird das Mädchen angestrahlt, bewundert. Fotografiert. Man erzählt mir von den Gästen, die bald erwartet werden, Künstler. Die sich gleich mehrere Wochen, zum teil mehrere Monate hier eingemietet haben.

Dann gehen wir nochmal spazieren, das Mädchen und ich. Kaum sind wir eine paar Meter gegangen, da sind wir schon von einer Traube von Kindern umgeben. Und wieder wird fotografiert. Neugierige Blicke mustern uns, niemand spricht mehr als ein paar Brocken Englisch. Frauen sitzen vor großen Kübeln mit Datteln, die sie entsteinen. Ich wusste nicht, dass in dieser Gegend Datteln wachsen. Die Häuser sind verfallen, aber der Glanz der Vergangenheit ist noch erkennbar. Einige Fassaden wurden wieder bunt bemalt. Wie es wohl hier aussähe, renovierte man das ganze Quartier?

Wir gehen nochmal am Jain Tempel vorbei, mit seiner schönen Glitzerfassade.

Dann fasst das Mädchen mich an die Hand. Und reicht die andere dem Hotelier. Der zerrt unsern Koffer über das bucklige Pflaster. Wir gehen die Straße entlang, in die kein Auto passt. Links wird genäht, rechts Korn gemahlen. Dann ein Frisör, ein Kiosk. Ein paar Kühe, über die sich das Mädchen freut. Als wir die Hauptstrasse erreichen, verabschiedet uns der Hotelier ins Taxi.

Unsere 26h in Ahmedabad sind zu Ende.

Ich habe nichts von dem gesehen, was ich wollte.

Ich hatte eine gute Zeit.

In Ahmedabad gibt es ein tolles Textilmuseum, sagt man. Aber es hat fast nie offen. Dafür gibt es einen Glitzertempel in der Altstadt, zwischen halbverfallen Gebäuden gut versteckt.

 

2 Gedanken zu „Wie ich einmal unbedingt ins Textilmuseum wollte“

  1. Ahmedabad. Für mich eine der Perlen während meines Jahres in Indien: Die Gassen, in denen die Zeit still zu stehen schien und am Neujahrsmorgen eine Führung durch diese, die am Glitzertempel endete, die Papierfabrik beim House of MG, auch das Textilmuseum, die Drachen steigen lassenden Kinder in der Moschee… Ich lasse mich immer gern von dir nach Indien mitnehmen. Danke für deine Worte.

    1. Oh ich freue mich sehr über deinen Kommentar! Ja ich habe auch einen besonderen Zauber gespürt in dieser Stadt. Die Papierfabrik hab ich verpasst! Gerade heute habe ich überlegt, nochmal hinzugehen, als ich herausfand, dass in dem Museum ganz grundsätzlich keine Kinder erlaubt sind. Und trotzdem habe ich Lust nochmal hinzufahren. Mal sehen…

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