Schwimmen. Warum es kompliziert ist, in Indien einen Bikini zu tragen.

Es ist heiß. Jeden Tag gehe ich nun schwimmen im Pool. Morgens alleine, um in Ruhe zu schwimmen. Abends mit Mann und Kind. Ich schwimme im Bikini. Das war aber nicht immer so.

Wenn ich morgens meine Bahnen ziehe, denke ich zurück, wie ich in den ersten Monaten hier schwamm. Ich wusste schon vor der Ausreise, dass es einen Pool geben würde hier. Was ich nicht wusste war, was ich zum Schwimmen anziehen sollte. Indien ist eben nicht Deutschland. Frau-Sein in Indien ist nicht Frau-Sein in Deutschland. Ich packte also meinen Bikini ein, besorgte mir aber auch Schwimm-Shirts und Schwimm-Shorts.

In Indien zeigt frau in der Regel keine Schultern und kein Bein. Den Bauch schon eher, der guckt bei jedem Sari raus. Es gibt heute, gerade in den großen Städten Frauen, deren Kleidung der unseren ähnelt, ebenso wie ihr Lebensstil: kurze Röcke gehören da dazu. Aber der Großteil der Inderinnen hält sich weiterhin bedeckt. Auf dem Land verhüllen Frauen sogar Kopf und Gesicht, wenn fremde Menschen zu Besuch kommen.

Die wenigen indischen Frauen, die ich im Pool schwimmen sah, trugen T-Shirts mit Ärmeln und Schößen bis über den Po, Radlerhosen. Schwimmen konnten sie nicht. Sie paddelten mühsam quer durch den Nichtschwimmer-Bereich. Aber immerhin waren sie überhaupt im Pool.

Ich mag Badekleidung nicht besonders. Am liebsten schwimme ich nackt. Als ich die anderen Frauen im Pool sah , zog ich brav das Schwimm-Shirt und die Shorts an. Das war ja schon viel weniger, als die anderen Frauen anhatten. Also die, die in den Pool gingen. Die meisten Frauen blieben sowieso draußen, saßen am Rand, überließen das Wasser ihren Männern und Kindern.

Badekleidung: Das war eines der ersten Dinge, über die mein Mann und ich hier in Indien in Streit gerieten. Obwohl Streit eigentlich nicht das richtige Wort ist. Aber wir verloren den Kontakt zueinander, weil sich kulturelle und kollektive Rollenverteilungen und kulturelle Muster und soziale Begrenzungen zwischen uns schoben wie ein Filter, vor eine Kamera, der macht, das alle Bilder grün oder blau werden.

Ich weiß nicht mehr wie es ging, dass ich plötzlich im Vorwurf landete. Du kannst baden, wie du willst, sagte ich zu meinem Mann. Ich aber nicht. Ich glaube, es begann damit, dass mein Mann mein Schwimm-Shirt doof fand. Ich war beleidigt. Was für eine Zumutung, nicht einfach in meinen ausgebleichten gelben Bikini schlüpfen zu können, den ich schon jahrelang trug.

Aber nein: Ich bin in einem Land, in dem andere Regeln gelten. Ich bin zu Gast. Ich weiß nicht, wo die Provokation beginnt, wo die Beleidigung, wo die Ignoranz. Am schlimmsten aber: Ich weiß nicht, wo Gefahr beginnt. Was wiegt schwerer: Sicherheit? Respekt vor der anderen Kultur? Oder Selbstbestimmung? Die Freiheit, mich zu kleiden, wie ich will? Wie würde ich reagieren, wenn jemand in der Freiburger Fußgängerzone nackig herumläuft, weil man das bei ihm zu Hause so macht?

Diese Situation ist nur ein Gleichnis. Ein Beispiel, für Dutzende andere Situationen, in denen ich plötzlich im fremden Gewässer schwamm, ohne so richtig zu wissen, was eigentlich angemessen ist. Dutzende Situationen, in denen ich plötzlich in meiner Freiheit eingeschränkt war, aus verschiedenen Gründen, unter anderem aber, weil ich eine Frau bin. Irgendwie war es zu erwarten. Ich wusste ja schon ein wenig über die Situation vieler Frauen in Indien. Aber wie es sich anfühlen würde, konnte ich nicht vorwegnehmen. Auch nicht, was es bedeuten würde, wenn in unsere persönliche Liebesbeziehung plötzlich kulturelle und kollektive Ungerechtigkeiten einziehen wie ungebetene Mitbewohner. Es war ein mühsamer Prozess, sie wieder rauszuschmeißen.

Frauen in Indien sind nicht Frauen in Deutschland. Männer in Indien sind nicht Männer in Deutschland. Es gelten andere Regeln hier. Es drohen andere Gefahren. Die ich nicht kannte, die ich nicht einzuschätzen vermochte. Ich wollte mich nicht einschränken lassen. Aber ich wollte mich auch nicht in Gefahr bringen. Es folgten eine ganze Reihe von Gefühlen: Angst, Wut, Unsicherheit. Ohnmacht.

Das Dumme war: Ich nahm das, was mir geschah, persönlich. Ich hätte auch einfach das blöde Shirt anziehen können, im nüchternen Bewusstsein, dass hier andere Regeln gelten. Aber die Situation löste eine ganze Kaskade innerer Streitgespräche in mir aus: über das Frau-Sein an sich. Über Gleichberechtigung und Benachteiligung. Über Frauen, die Opfer und Männer, die schuld sind. Ganze Generationen schienen in mir zu streiten, voller Frust und Bitterkeit und Wut und Ohnmacht. Kulturelle Grenzen und Geschlechterthemen werden zu einem unentwirrbaren Knäuel.

Glücklicherweise war ich klug genug, dieses Dispute nicht alle mit meinem Mann zu führen. Sondern sie zunächst einmal in mir zu beobachten.

Das ganze löste sich, als ich schwanger wurde. Das Schwimm-Shirt passte nicht mehr. Beim nächsten Aufenthalt in Deutschland kaufte ich mir einen Schwangerschaftsbikini mit so einer Art Mini-Rock, den man wahlweise dann auch über den Bauch stülpen kann. Was ich nicht tat.

Ich trage jetzt Bikini, sagte ich meinem Mann. Er nickte. Ich bin bis heute dabei geblieben.

Ich bin hier auf dem Campus sicher, das weiß ich inzwischen. Wir sind auf dem Gelände eines internationalen Forschungsinstituts. In einem öffentlichen Pool oder auch an einem Strand in Indien würde ich allerdings eine andere Entscheidung treffen.

Die kostbarste Freiheit aber finde ich darin, nicht einfach ein Megaphon zu sein für die Generationen von Frauen und Männern, die in mir streiten und kämpfen. In jeder Beziehungskonstellation gibt es einen Punkt, an dem der Schmerz und der Kampf aufhört, sagte mir mal ein kluger Mensch. Den gibt es also auch zwischen Männern und Frauen. Diesen Punkt fixiere ich, wenn ich im Pool meine Bahnen ziehe.

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