Die Hitze

Die Hitze scheint Blasen zu werfen, je länger sie dauert. Sie züchtet kleine Pusteln auf der Nase meines Mädchens, zusammen mit roten Flecken am Hals und juckenden Stellen in den Armbeugen, die das Mädchen sich blutig kratzt.

Die Hitze treibt seltsame Blüten. Langeweileblüten. Überdrussblüten. Wut-und Ohnmachtblüten. Wann-ist-es-endlich-vorbei Blüten, die man in keiner Vase stehen haben möchte.

In unsere Küche steht jetzt ein Tongefäß mit dickem rundem Bauch, mit Wasser gefüllt, natürlich gekühlt vom Ton. So macht man das in Indien, hat mir die Nachbarin erklärt. Die Tongefäße werden am Straßenrand verkauft, von Menschen, die da leben. In einem Zelt dahinter. Die keinen Cooler haben und keine Klimaanlage und die dann auch noch Feuer machen, um zu kochen.

Die Mangos haben wir geerntet, obwohl sie noch grün sind, denn jede Nacht kommen die Flughunde und feiern Mangofest und am Morgen liegt der Garten voller angebissener Mangos, denn die Flughunde machen sich nicht die Mühe, aufzuessen, bevor sie die Früchte runterschmeißen und in die nächsten reinbeißen. Das allein wäre ja nicht so schlimm, aber die Flughunde können eine Krankheit übertragen, von der keiner weiß, wie schlimm sie wirklich ist und die man lieber nicht bekommen möchte.

Die Hitze verdirbt die Lust am Kochen und die Lust am Spiel. Sie sperrt uns in Haus ein, diese Woche noch viel mehr, denn die Kita hat zu. Was ist das für eine Kita, sage ich und schüttle den Kopf, die jeden Monat mindestens eine Woche zu hat. Ich habe es dort auch gesagt, in der Kita: Ihr schadet den Frauen mit diesem löchrigen Betreuungsangebot, denn es sind die Frauen, die meistens weniger arbeiten und so noch weniger arbeiten können. Man gebe es weiter, sagte man mir und dankte für das Feedback. Es ist vermutlich zu deutsch gedacht ist: Indische Frauen, die arbeiten wollen oder müssen, haben entweder Angehörige bei sich im Haus oder Nannys. Mutter und Vater allein sind hier seltener allein zuständig, als das bei uns der Fall ist. Da lassen sich solche Kita-Löcher leicht stopfen.

Wie soll man da arbeiten, denke ich mir, die ich keine Nanny habe und keine Oma, und seufze, warte auf Morgen- und Abendstunden und Mittag-Schlafstunden, die immer seltener werden. Das Mädchen findet, es braucht nicht mehr jeden Tag am Mittag zu schlafen. Dann aber sind die Tage im Haus lang. Unter der Woche liegt einer, am Wochenende zwei Erwachsene im Bett nach Mittag und versuchen ein paar Minuten Nickerchen herauszuschlagen in der größte Hitze des Tages, während des Mädchen Spielzeug anschleppt und „Big Basket“ spielt. Big Basket ist der Lieferdienst, bei dem wir einen Teil unserer Lebensmittel beziehen.

Ab 5 kann man zum Pool gehen, vorher aber ist guter Rat teuer. Ich dachte, wir machen wieder tribe life mit den Nachbarskindern diese Woche, ziehen von diesem Haus in jenes . Aber die Nachbarskinder haben sich aufs Kriegsspielen verlegt, mit Plastikwaffen die Krach machen und blinken und schrecklichen Videos von kriegspielenden Kindern, die ihr Spiel anheizen. No thanks. Nicht mit 2 Jahren. Wie stehe ich eigentlich zu Spielzeugwaffen? Wir hatten damals dieses harmlosen Revolver die ein bisschen knallten. Keine Maschinengewehre. Rattatatatat. Ist das dasselbe?

Also dann lieber Pippi Langstrumpf und Peppa Pig und Play Dough und Indoor Play Area (oder auch Plastikhölle) und schnell noch ein paar Play Dates ausmachen für diese Woche, die sonst all zu lange zu werden droht.

Die Hitze ist an allem schuld, das ist ja wohl klar. 

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