Novembergerüche

Der November in Indien riecht die meiste Zeit nach nichts. Meine Nase ist zu oder die des Mannes oder die des Mädchens, immer abwechselnd oder alle zusammen. Wär hätte gedacht, dass man in den Tropen so viele Erkältungen kriegen kann? Wie viele das sind auf einen Streich kann ich gar nicht zählen. Reihum geht das und wenn ich gerade nicht an der Reihe bin dann riecht der November nach Gelomyrtol, Transpulmin, Eukalyptus, Kräuterzucker, Thyminabalsam, Engelwurzbalsam, Lavendel, Thymian-Angelika-Öl, Salbei. Alles importiert. Vertrauten Gerüchen traut man mehr Heilung zu als fremden. Die Medizin der Nachbarin schmeckt nach Erdbeere und Kardamom. Bah, sagt das Mädchen und verzieht das Gesicht.

Nach einem Geburtstag riecht der November, der im Fieber untergeht.

Der November riecht aber auch nach Bienenwachskerzen, vom Freiburger Münstermarkt, sorgsam gehütet bis zum letzten Wochenende im November. Fest überzeugt war ich, dass da schon der erste Advent sei und plötzlich habe ich eine Woche gewonnen, einfach so, und könnte Weihnachten schon eine Woche früher feiern und wäre fertig mit dem Jahr, wenn alle anderen unterm Baum sitzen.

Nach Diwali roch dieser November, nach Rauch und Knall und Feuerwerk, nach einer Süßigkeit aus Mandel, Cashew und Zucker, blättrig und mürbe, in Silberpapier gewickelt.

Nach dem Citizens Hospital riecht der November, und eigentlich riecht dieses indische Krankenhaus nach fast nichts, nicht mal ein kleines bisschen nach Knoblauch oder Curry. Nur die Angst kann man ein bisschen riechen, die hier zu Hause ist, das Leiden und das Weh und das Warten. Der erste histologische Befund meines Lebens – unauffällig. Bitte kommen Sie in sechs Monaten zurück.

Nach den Passionsfrüchten roch dieser November, geerntet von kleinen Händen und gelöffelt von kleinen Händen. Drei Jahre ist es her, dass ich das Pflänzchen in den Garten steckte und dieses Jahr ist es soweit. Die Passionsfruchtlaube, die über unserer Gartendusche wächst, trug reiche Frucht. Nach dem Saft der Passionsfrüchte riecht der November, die an Händen, und Leibchen und Tischen kleben. Nammy, sagt das Mädchen und ihr ganzes Wesen strahlt vor Genuß.

Sogar schon nach Plätzchen riecht der November, die ersten Plätzchen des Jahres, die ersten Plätzchen die kleine fieberheiße Kinderhände ausstechen. Ein Blech und noch ein Blech und das zweite Blech riecht verbrannt. So ist das, wenn man sich mit der Zeit vertut.

Aber Zeit ist relativ in Indien, sie riecht, egal welchen Monat wir haben, nach Räucherstäbchen und Kampher, Düfte, mit denen Tage zerteilt werden in vor und nach dem Puja, vor und nach dem Festival, vor und nach und außer der Zeit.

Die Zeit in Indien ist ein endloser Fluß aus Gerüchen, die einander abwechseln und überlagern, die in Wellen übereinander schlagen als handle es sich um ein unsichtbares und doch schrill farbiges Meer, in dem untergeht, auftaucht und schwimmt wer in Indien lebt.

Mitten drin, wie ein heimatlicher Anker, der Duft nach Brot.

Dieser Text ist eine Replik  auf die wunderbaren monatlichen Geruchsberichte von  readonmydear und ihren November-Duft finden man und frau hier. Mit den herzlichsten Grüßen nach Irland.  

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