Notizen aus dem Dazwischen

Noch 32 Tage. Jetzt zähle ich sie doch. Den Übergang feiern wie ein monatelanges Fest. So wie jetzt, zu Ramzan, die Musliminnen und Muslime der Stadt jeden Abend feiern, so feiere ich jeden Tag dieses Dazwischen. Denn jetzt beginnt der Übergang. Genau genommen gestern. Er dauert 66 Tage, habe ich beschlossen. Erst zähle ich von 33 runter, dann wieder rauf.

Eine Liste anlegen, von all den Dingen, auf die ich mich freue: Selbst einkaufen gehen, zu Fuß: Salat, Pfirsiche, Beeren. Abends auf den Berg spazieren und in die Schwarzwaldwipfel gucken. Ins Museum gehen, ins Kino, in eine Ausstellung. Ohne Moskitonetz schlafen. Mal wieder eine Jacke tragen. Die Liste ist endlos lang.

Das Mädchen in den Kindergarten bringen. Sie spricht jetzt ganze Sätze, sagt die Erzieherin. Ich nicke. Weiß ich natürlich. Sie erzählt ganze Geschichten zu Hause. Zum ersten Mal frage ich mich, wie es ihr gehen wird mit deutschen Kindern, wenn die nicht verstehen, was sie sagt.

Abends endlose Einschlafrituale. 500 mal To market, to market lesen und das Kind schläft immer noch nicht. Runden drehen, von einem Bett zum anderen, mit dem Buggy unter den Mangobäumen durch, unter dem hitzigen Himmel. Flughunde und kleine Eulchen, die über unsere Köpfen kreisen. Wir brauchen neue Schlafbrücken, aber ich weiß nicht welche. Wenn wir erst in Deutschland sind, denke ich, und weiß es ist eine Falle, so zu denken.

Die kleinen Bildchen von den Wänden nehmen, in meinem Zimmer für mich allein, dass ich bald nicht mehr habe. Einige Werke von Anselm Kiefer hingen, ein paar Schwarz-Weiß-Bilder vom Schwarzwald, die Fotos, die ich im Museum der Anna Achmatowa in St. Petersburg machte, die Bilder von der letzten Ausstellung in der ich vor der Abreise war mit meiner lieben H.

Dieses Ding namens Zeit. Wir schwimmen hier in einem zeitlosen Meer aus Zeit. Zeit in Indien ist anders. Bald muss ich mich wieder in die Minuten und Stunden mitteleuropäischer Zeit einpassen.

Zurückdenken an das Ungestörtsein.

An Wolfgang Aurose denken, der einmal Geschäftsführer von Auroville war und ein Buch geschrieben hat: Die Seele der Nationen. Was ist die Seele Indiens? Könnte ich darauf jetzt antworten?

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