Ein Dienstag im Juni

Was machst du eigentlich den ganzen Tag? fragt Frau Brüllen auf ihrem Blog. Hier kommt meine Antwort. Schnell, schnell muss es an diesem Dienstag Morgen gehen. Noch längst nicht sind wir es gewohnt, morgens schon um 8 aus dem Haus zu gehen. Aber der internationale Kindergarten wartet auf uns.

Wir müssen zum Glück nur 2min auf dem Fahrrad einen Feldweg entlangfahren, während die anderen mit dem Bus aus der Stadt kommen und wenn die da sind geht es ziemlich gleich direkt los. Wir sind mitten in der Eingewöhnungsphase. Das Mädchen dreht einige Runden auf einer indischen Version des Bobbycars und ich hole mir Kaffee.

Madam, Madam, ruft mich eine der Angestellten, die nachher meine Kaffeetasse wieder einsammeln wird, egal, wo ich sie stehen lasse. Madam, morgen kommen ihre Blumen. Wirklich? frage ich und kann es noch kaum glauben. Ich habe hier vor einigen Tagen Lilien gesehen, echte Lilien auf einem Tisch. Wo sind die her, fragte ich? Es gibt doch gar keine Lilien hier, sagte ich und blinzelte ungläubig. Madam Madam sagte die Frau im Sari mit den Kaffeetassen in der Hand. Ich heiße Saraswati und ich weiss wo man welche besorgen kann. Schon seit Tagen nun freue ich mich auf diese Lilien und bange, ob sie jemals wirklich bei mir ankommen. Es gibt in Indien so gut wie keine Schnittblumen und wenn dann Rosen in dicke Lagen Plastik eingewickelt. Lilien habe ich hier noch nie, noch gar nie gesehen. Ich liebe Lilien.

Lange, lange schläft das Mädchen nach den 2 Stunden im Kindergarten und ich sehe immer nervöser auf die Uhr, denn wir wollen in die Stadt heute. Ich bin müde und an müden Tagen strengt es mich manchmal an, dass noch jemand im Hause ist. Ein bisschen ruhe ich auch, so lange das Mädchen ruht und als ich aufstehe sehe ich, dass auch unsere Hausfee ruht: stillt liegt sie auf dem nackten Küchenboden. Heute wird sie schon mittags gehen denn ihre Kirche hat Jubiläum und ihre Kirche bedeutet ihr alles. Madam, with your permission. Jaja, habe ich gesagt.

Nach Nudeln und Brokkoli – das Mädchen isst nicht viel – packe ich unser Bündel. Mustafa, sage ich, es geht los. Unser Fahrer sieht ein wenig müde aus, denn es ist Ramadan und er darf nichts essen und trinken bis nach Sonnenuntergang. Wir fahren zu einem Krankenhaus, spazieren im Wartesaal auf und ab und warten auf die liebe R. Das Mädchen hüpft im Kreis, als sie endlich erscheint. Ins Krankenhaus geht man hier wie bei uns in eine Arztpraxis, für jegliche Art von Check-Up oder Untersuchung. Vorher versucht man sich umzuhören, welcher Arzt was taugt. Auf dem Schild steht auf jeden Fall, wo er oder sie studiert hat. Steht da USA oder England, nimmt man das als gutes Omen. Wir werden fotografiert und bestaunt und bestaunen unsererseits ein kleines Babymädchen: seine Augen sind dick mit Kajal umrandet, um die Füße Fußkettchen, um die Handgelenke Bangles, und auf dem dritten Auge ein Punkt. Die Arme, die sich nach meinem Mädchen ausstrecken, es auf den Arm nehmen wollen, weise ich inzwischen sehr routiniert zurück. Wir sind die einzigen mit weißer Haut hier weit und breit und erregen Aufmerksamkeit, wie so oft.

Wir fahren in R.s Wohnung und ich verschwinde sofort in ihrem Zimmer denn ich habe einen mir sehr wichtigen Telefontermin. Tür zu. Eine Stunde sprechen. Ein echtes Gespräch führen. Zwischendrin die Klimaanlage anmachen, denn ich kriege keine Luft. Das Mädchen hat mich nicht einmal vermisst. Sie und R haben ein neues Spiel erfunden: R. stellt sich schlafend und das Mädchen weckt sie auf. Mit einem schönen lauten quietschigen Schrei. R. ist unfassbar begabt, was Kinder angeht und das Mädchen liebt sie heiß und innig. Aber sie wird gehen. In 3 Wochen verlässt sie die Stadt. Die meisten, die ich kenne, verlassen früher oder später die Stadt.

Wir gucken voller Freude in den Himmel und in die Wolken – Regen! Regen! – wir steigen ins Auto und fahren wieder los: heute ist Environmental Day und bei Sage Organics, wo ich unser Obst und Gemüse bestelle – Bio! – gibt es eine kleines Fest mit ein paar Ständen. Es gibt Kinder-Kurtas, pflanzengefärbt und in Bioqualität, Zahnbürsten aus Bambus, aus Bananenblättern gewobene Körbe und Mangoshake. R und das Mädchen jagen einem Katzenkindchen nach. Daisses, höre ich sie rufen. Wir essen eine Masala-Minipizza und ein weiterer Freund kommt dazu. Seine Mutter ist gerade gestorben, sein Bruder hat das Erbe abgezockt und er ist vor zwei Wochen in eine eigene Wohnung gezogen. Mit dem Vater hat er sich verstritten. Wie geht’s Dir, frage ich. Gut, meint er, ich liebe meine Arbeit. (Er ist Designer, hat in England studiert.) Aber manchmal bin ich so komisch ängstlich und weiß nicht warum. Das Mädchen spielt Verstecken mit einem Karton auf dem Kopf. Wir lachen und wir schweigen. Ich sage: Ich habe so viel Respekt vor Deiner Generation. Ihr lebt so anders, als Eure Eltern, was müssen das für Brüche sein. Das ist nichts, was man diskutieren oder verhandeln kann. Wir können nicht mit unseren Eltern darüber reden, sagt mein Freund. Sie verstehen es einfach nicht. Wir können es nur tun.

Wieder schweigen wir und eine plötzliche Müdigkeit macht sich breit. Es ist fast halb sieben und wir steigen ins Auto. Das Mädchen ist müde genug, um die lange dauernde Heimfahrt zu verschlafen und als wir ankommen ist sie wach genug um sich zu freuen, dass der Papa da ist. Vor dem Einschlafen denke ich an Lilien und an den Monsun.

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