Kühe in Indien

Dezembergerüche

Der Dezember riecht nach Weihnachtszeiten in Indien, nach verbrannten Dattelplätzchen, nach Bratapfel-Schokoladen-Kügelchen aus einem Lindt-Adventskalender, der zerbeult in Indien ankam, die Schokolade ein-zweimal auf der Reise geschmolzen und wieder fest geworden. Fest klebt die Silberfolie an den verformten Bällchen.

Nach selbstgemachter Hafermilch schmeckt der Kaffee im Dezember, erst noch ungewohnt, aber dann, mit Kardamom, Zimt und Vanille verfeinert schmeckt er jeden Tag besser. Ich juble, dass ich endlich die Kuhmilch los bin. Die fühlt sich schon lange nicht mehr richtig an, wo doch schon das Pupsen der Kuh uns dem Ende der Welt, wie wir sie kannten näher bringt. Und mir bekommt sie auch schon lange nicht mehr.

Der Dezember riecht nach langen Tangotagen und Tango-Lehrer-Besuch aus Estland. Nach frischer Pasta die das Tangolehrerkind mit meinem Mädchen verspeist, während die anderen noch tanzen. Nach Kuhmist der Kühe, die gleich neben dem Tanzraum wohnen und denen ich mit den beiden Kindern einmal die Stunde einen Besuch abstatte.

Der Dezember riecht nach Erdbeeren,die vom Biskuitboden kullern. Die haben jetzt hier Saison. Der Dezember riecht nach Räucherlachs, den es im ersten Ikea Indiens gibt. In unserer Stadt! Holzeisenbahnen kaufen wir hier, für sämtliche Kindergeburtstage im nächsten Jahr.

Der Dezember riecht nach dem Meer in Goa, nach Aloo Paratha und Dal Makhani an drei von vier Tagen, die ich hier krank im Bett verbringe, vom Lieferservice gebracht. Und einem letzten Tag nach Waffeln, Baked Beans, Kaffee und Serendipity Art Festival. Kunst!

Der Dezember riecht nach Kuminsamen, die im heißen Senföl knacken und springen, nach frischen Zwiebeln, mit Limettensaft beträufelt. Nach Rajma Chawal, das ich dank der Nachbarin jetzt endlich kochen kann und das wir alle miteinander mit den Händen verspeisen.

Nach Pipi riecht der Dezember in seinen letzten Stunden, als ich mit dem Mädchen von der Party nach Hause komme, lange bevor Mitternacht, und dann kurz vor 12 das Laken wechsle. Die Winde ist ausgelaufen, gerade noch in diesem Jahr. Was macht das schon, wenn man das wunderbarste Mädchen der Welt hat, das da friedlich im Bett liegt und schläft voller Seligkeit.

Und was besonders schön ist, der Dezember riecht nach tribal life – wie sagt man das auf deutsch? Nach einem Leben, das man mit anderen Leben teilt, nach offenen Türen, geteilten Mahlzeiten, Kindern, die vom einen Haus zum anderen gehen, Erwachsenen, die sich umarmen. Gut geht’s uns, wenn alle sich um alle kümmern, hat Juli Zeh mal gesagt. Und das fängt im Kleinen an, mit dem Wohl des Nachbarn. Und endet irgendwo im Himmel und Weltall, wo die Sterne und Planeten ihre Kreise ziehen. Der geruchlose Duft des Großen Ganzen.

Dieser Text ist eine Replik  auf die wunderbaren monatlichen Geruchsberichte von  readonmydear und ihren Dezember-Duft finden man und frauhier. 

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