Der Tote und der Bollywood-Star

Irgendein Minister liegt im Sterben, sagt mein Mann. Wir sind in Chennai in einem Hotelzimmer. Morgens früh hierhergeflogen, er wegen der Arbeit, ich weil ich endlich Tara Books besuchen und mir auch ansonsten noch ein paar Sachen hier ansehen will.

Wenig später erreicht uns die Nachricht, dass M. Karunanidhi, der ehemalige Ministerpräsident Tamil Nadus, Führer der Oppositionsbewegung und Leitfigur der dravidischen Bewegung, nun tatsächlich gestorben ist.

Ab diesem Zeitpunkt ist die Stadt im Ausnahmezustand. Geschäfte werden geschlossen, Busse und Bahnen fahren nicht mehr, man braucht Stunden um ein Taxi zu finden. Die Konferenz wird für den nächsten Tag abgesagt. Wir werden angehalten im Hotel zu bleiben. Stay home, stay safe. Man rechnet mit Tumult.

Also verbringen wir den nächsten Tag im Hotel. Fahren Aufzug, gucken aus dem Fenster, kullern auf Kissen, Sofas und Betten herum. Im Fernsehen läuft in Endlosschleife nur eine Sendung: Live vom Totenbett. Der Aufgebahrte wird tränenreich verabschiedet.

Am Abend ist unser Rückflug. Zum Glück haben wir schon einen, denn heute fliegen Leute rein und raus von Chennai, um dem Toten zu huldigen. Mein Mann muss bleiben. Seine Konferenz wurde auf den nächsten Tag verlegt. Also fahren das Mädchen und ich alleine durch die Geisterstadt. Menschenleere Straßen. Und das in Indien. Es ist gespenstisch. Über der ganzen Stadt liegt eine seltsame Dunstglocke aus Regen, Trauer und Stille. Alle Geschäfte sind zu, alle Schulen, alle Colleges. Keiner geht zur Arbeit. Staatstrauer – die Regierung hat einen Feiertag angeordnet. Überall Bilder von dem Toten mit Blumenketten geschmückt.

Irgendwo in der Stadt drängen sich Massen an Menschen zusammen, die Abschied nehmen wollen. Hier ist fast niemand. Eine Frau die Milch verkauft, eine die Jasmin zu Ketten flicht, eine mit einem Wagen voller Kokosnüsse, die heute wohl niemand kaufen wird. Ein Hund, der sich auf dem sandigen Seitenstreifen wälzt. Männer auf dem Kricketfeld, die den freien Tag zum Spiel nutzen. Eine Familie isst Mittag auf der Verkehrsinsel. Das ist noch das Normalste von allem, denn Verkehrsinseln werden hier oft als so eine Art öffentlicher Freizeitpark genutzt, wo man vespern, reden oder auch ein Schläfchen machen kann.

Am Flughafen ist alles ruhig. Auf den Bildschirmen der Leichnam, der nun zur Beerdigung transportiert wird. Ich lasse die übliche Flut an Fotos mit meiner Tochter über mich ergehen. Please selfie, Madam.

Es ist spät, als wir wieder in Hyderabad landen. Wie immer wird beim Aussteigen gedrängelt und ich drängle mich irgendwann dazwischen, um dann in aller Ruhe das schlafende Mädchen in die Trage zu hieven. Der Mann, den ich zum Warten zwinge, ist überraschend geduldig. Er trägt mir die Taschen aus dem Flugzeug und in den Bus. Er ist ausnehmend höflich und hilfsbereit in einer Weise, wie es mir lange nicht begegnet ist. Sein Dreitagebart verleiht seinem Gesicht einen silbernen Schimmer. Meine Taschen packt er neben sich.

This is a famous hm-tor raunt mir jemand im Bus zu. A famous doctor? frage ich zurück und denke an Deepak Chopra. A famous actor sagt der Mann nochmals und sein Gesicht ist voller Ausrufezeichen.

Auf dem Weg zum Terminal trägt er noch immer meine Sachen. Andere Fluggäste passieren uns und bitten um Selfies mit dem famous actor. Er stoppt jeweils kurz, weist niemanden ab. Der Pippi-Langstrumpf-Rucksack meiner Tochter baumelt an seinem Handgelenk. Er fragt noch ob ich abgeholt werde. Dann nehme ich meine Taschen wieder selbst und spaziere aus dem Flughafengebäude.

Als ich meiner Nachbarin am nächsten Tag davon erzähle, googlen wir „famous actor India“. Sofort erscheint sein Bild. You spoke to Amitabh Bachchan sagt sie und fällt mir um den Hals. Es dauert etwa eine halbe Stunde, bis sie sich wieder einem anderen Thema widmen kann.

Zwei berühmte Inder, die an einem Tag mein Leben kreuzen. Einer stirbt. Der andere trägt meine Taschen.

 

 

3 Gedanken zu „Der Tote und der Bollywood-Star“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.