Zurück. Notizen aus dem Dazwischen III

Eine Blaumeise im Mandelbaum. Ja, der Mandelbaum ist wieder da. Auch die Weinrebe, die sich die Treppe entlanghangelt, diese Treppe, die in den Garten führt. Auch der Apfelbaum ist da, mit noch winzig kleinen Äpfeln. 

Im Garten verbringen wir diese Tage des Dazwischen. Dem Mädchen zeige ich Himbeeren und Johannisbeeren, die Sandkiste und das Trampolin. Das Mädchen war schon hier, aber es erinnert sich nicht. Morgens, wenn wir die Balkontüre öffnen, strömt blütenschwere Luft zu uns herein: Die Linden an der Allee stehen in voller Blüte. Aus dem Schwarzwald duftet es nach Heu, wenn abends der frische Hexentäler Wind zu uns herab weht, die hitzigen Gemüter der Stadt ein wenig kühlt.

Für mich ist all dies ein Zurückkehren. Für das Mädchen fremd. Wann gehen wir nach Hause, fragt es mich mehrmals am Tag. So langsam sickert das Verstehen in ihren kleinen Körper ein: verstehen, dass etwas verloren ist. Der ganze Organismus reagiert: Mit Fieber und Bauchweh, mit Wut und Scheu.

Heute morgen erwachte das Kind mit lautem Weinen, wollte seine Basteleien wieder haben aus dem Kindergarten. Allein, sie sind im Haus in Indien verblieben. Wenig nur konnten wir mitnehmen in unseren Koffern: Ein Kuscheltier, ein paar Farben, ein kleines Kissen. Fast nichts ist dem Mädchen geblieben von seiner alten Umgebung: nur ich, denn der Papa ist auf Dienstreise und kommt erst ein wenig später. Ihre ehemals überschaubare kleine Welt, ausgespannt zwischen Kita, Pool, Nachbarhaus und Kantine öffnet sich plötzlich in all die Wege durch unser Quartier: der Platz, auf dem die Kinder Laufrad fahren. Die Eisdiele, vor der ein Pferd steht. Der Bach, an dem es Steine gibt, so viele Steine, die man gar nicht erst mühsam zusammensuchen muss, bevor man sie hineinwerfen kann. Der Laden, in dem das Mädchen Äpfel und Aprikosen in den Korb legt, zum ersten Mal einkauft.

Und so sorgt das kleine Mädchen, dass ich nicht auch noch verloren gehe. Es umarmt mich fest, wenn es in den Schlaf gleitet. Es lässt mich nicht aus den Augen, wenn wir auf dem Spielplatz sind. Es sucht meine Hand, es schmiegt sich in meinen Arm, es lässt sich auf dem Rücken tragen, die fremden Wege entlang. Und ich bin Zeuge, wie das kleine Mädchen etwas so Menschliches, Schmerzliches, und doch auch Kostbares zum ersten Mal in seinem Leben erlebt: Verlust. 

4 Gedanken zu „Zurück. Notizen aus dem Dazwischen III“

  1. Ich wünsche euch eine gute Zeit des Ankommens.
    Die Kleine hat zum Glück eine Mama, die sie auffängt und trägt durch diese für sie sicher sehr schwere Zeit.
    LG von TAC

  2. Dein Dazwischen ist wie bei einem Getreidehalm der Knoten, ein Wachstumsstop, ein Stillstand, welcher notwendig ist, dem langen Halm den Halt zu geben. Dieser Stillstand ist wichtig für die Stabilität bei jedem Wind und Wetter!
    Ich lese deinen Blog seit sehr langer Zeit, meist in der Nacht, wenn ich aus dem ersten Tiefschlaf erwache. Dann habe ich mich über die geschenkte Zeit gefreut und mich nach Indien in deine Erzählung in eine fremde Welt entführen lassen. Besonders deine Wortwahl, dein Schreibstil war ein Geschenk. Ich wünsche euch ein gutes Ankommen und danke dir von ganzem Herzen für die schöne Zeit, die ich durch deinen Blog erfahren durfte
    Bettina aus Karlsruhe
    BettiLu

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