Keiner weiß es, mein Kind.

Mein Mädchen! Was dir aus dieser Zeit in der Fremde bleiben wird? Aus diesen ersten Lebensjahren in Indien? Keiner weiß es, mein Kind. Nur du wirst es eines Tages wissen, wenn überhaupt.

Ob du die Gerüche erinnern wirst? Die schrillen Farben? Die kräftigen Gewürze? Die scharfgewürzten Speisen, die du schon so früh mit Appetit gegessen hast?

Ob du dich an den chaotischen Verkehr erinnern wirst? Die Huperei? Das manchmal enge Gefühl beim Atmen durch die schlechte Luft? Die Staubwolken vom Metrobau, von all den anderen Baustellen in der Stadt, die jeden Tag anders aussieht, weil sie so rasant wächst?

Ob du dich an die Trommeln erinnern wirst, die zu Hochzeiten geschlagen werden, mitten in der Nacht? An die Mantra-Gesänge der Hindupriester? An die Gebetsrufe des Muezzins am frühen Morgen?

Ob du dich an die Nächte auf unserem Bambusbett im Garten erinnern wirst, in denen selbst ein Laken noch zu warm ist auf der nackten Haut? An den Juckreiz der Moskitostiche? An die Ameisenbisse? Die Rufe der Eulchen? Die wuchtigen Körper der Flughunde am dunklen Nachthimmel? Die wenigen Sterne, die man hier sieht?

Ob sich deine Wangen an die Kniffe erinnern werden, die Kniffe der Frauen, die hier auf den Feldern arbeiten und die dich täglich lautstark und liebevoll begrüßen, oftmals in dem sie dich in deine weichen runden Wangen zwicken? An die vielen Armreifen, die goldenen Ohr- und Nasenringe? Die farbigen Punkte auf dem dritten Auge?

Ob du dich an die Sprachen erinnern wirst, die du hier hörst? Englisch, Telugu, Deutsch, Urdu, Hindi?

Ob du dich an deine Aka erinnern wirst, deine „große Schwester“, die von montags bis freitags so selbstverständlich den ganzen Tag bei uns im Haus ist, immer barfuß?

Ob du meine Angst erinnern wirst, meine Angst vor der verschmutzten Luft, vor dem verseuchten Wasser, vor den Pestiziden, vor all dem Gift, mit dem hier so sorglos und fahrlässig umgegangen wird? Vor all den unsichtbaren Gefahren?

Ob du dich an die Liebe der Menschen hier erinnern wirst? An ihre Freude über das Wunder Menschsein, das sie jedes Mal zu berühren scheinen, wenn sie ein kleines Baby sehen?

Ob du dich an den Duft der Räucherstäbchen erinnern wirst, die Öllämpchen, die Kokosnüsse und Bananen und Blüten, die zu einem hinduistischen Gebet gehören? An das für uns oft Irrationale dieser Kultur? Oder an das Intuitive?

Ob du dich an den Tango erinnern wirst, den wir hier tanzen, mit dir im Bauch, mit dir auf dem Rücken, mit dir auf einer Decke spielend, mit dir auf dem Arm anderer Tänzerinnen und Tänzer? Oder daran, wie es ist, in einer Kultur Tango zu tanzen, in denen Männer und Frauen sich in vielen Kontexten nicht in die Augen sehen oder berühren?

Wirst du dich an deine kleinen Freunde aus der Nachbarschaft erinnern, mit denen du schaukelst und rutscht? An die nackten kühlen Fußböden der Nachbarhäuser, auf denen du Spielzeugautos umherschiebst und Kekse zugesteckt bekommst?

Wirst du dich an dieses Leben ohne Terminkalender erinnern? An unsere Insel mit Kichererbsen- und Hirsefeldern, auf der wir täglich unsere Kreise ziehen? Daran, wie der karge, rotbraune Boden nach wenigen Tagen Monsun von Grün und Wachstum überzogen ist? Oder daran, wie Bananenblüten aussehen? Wie sich die samtenen Blütenblätter anfühlen?

Wirst Du Dich an die Atmosphäre dieser Kultur erinnern? Im Aufbruch, im Umbruch, in jahrtausendealten Traditionen verhaftet, ins 21. Jahrhundert unterwegs? An den Kampf ums Überleben, an das Leid, die Armut, das Verwahrloste? An Gewalt, Ungleichheit, Ausbeutung?

Oder wirst du dich an den Boden hier erinnern, der von Jahrtausende alten Weisheitslehren getränkt ist, diesem Urwissen der Menschen um die tiefsten Wahrheiten des Seins?

Niemand, mein Kind, weiß, woran Du Dich erinnern wirst.

Mögen diese ersten Lebensjahre in dieser so anderen Welt ein Schatz für dich sein, der dir bleibt. Der dir hilft, zu verstehen, WIE vielfältig und reich diese Welt ist. Der dir hilft, in jeder Kultur die Kostbarkeiten zu sehen, aber auch die Schatten zu benennen. Der dir hilft, in der Welt zu Hause zu sein.

2 Gedanken zu „Keiner weiß es, mein Kind.“

  1. Ein schöner Text! Es gibt kein größeres Geschenk für ein Kind als die Vielfalt der Menschheit von klein auf zu erkunden. Vermutlich wird das meiste eher im Unterbewusstsein höngen bleiben. Ich habe mir erst mit über 40 prägnante Sinnseindrücke aus der Kindheit wieder ins Bewusstsein zurückholen können, aber was für eine Freude war es, Altbekanntes erneut zu eröeben und einem bestimmten Zeitabschnitt zuordnen zu können.

    1. Dankeschön! Ja, ich denke auch, dass die Erinnerungen eher unbewusst sein werden. Aber ich bin gespannt, welche Spuren diese Zeit hinterlassen wird…wir werden sehen…ich selbst erinnere aus den ersten Lebensjahren vor allem Atmosphären.

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