Warum wir gegangen sind. Notizen aus dem Dazwischen IV.

Seit gut einem Monat in Freiburg. Die Schwarzwaldspitzen sehen, die wie eine grüne zackige Girlande jeden meiner Tage hier verzieren. Zurückblicken auf das Leben am Rande einer indischen Megacity.

Als wir nach Hyderabad zogen sprach man von 8 Mio Einwohner. Jetzt schätze man schon 11 Mio. Ich habe auch schon die Zahl 16 Mio gehört. Keiner weiß das so genau. Das schnelle Wachstum bringt enorme Herausforderungen mit sich: Infrastruktur, Wohnungen, Verkehr… Täglich schießen ganze Hochhaussiedlungen aus dem Boden. Der Verkehr wird von Jahr zu Jahr chaotischer und schlimmer. Es kann Stunden dauern, um etwa 30 Kilometer in die Stadt zurückzulegen. Eine Metro wird gebaut, aber sie ist bisher zu teuer und zu langsam. Und sie deckt nur einen winzigen Teil des Stadtgebiets ab. Bis sie fertig ist, wird die Stadt noch weiter gewachsen sein. Katharina Kakar hat in einem ihrer Bücher die Frage gestellt, ob bzw. wie man wohl in 10 Jahren in indischen Städten (noch) leben kann.

Was für mich am schwersten wog: Der Zustand von Erde, Wasser und Luft, dieser elementarsten Quellen unserer Lebens. Um Hyderabad herum ist viel Pharmaindustrie, die selbst in der Süddeutschen Zeitung Schlagzeilen machte. Es sind westliche Firmen, die hier Antibiotika produzieren lassen und sich nicht darum kümmern, was mit den Abwässern geschieht. So kommt es, dass die Gewässer in der Umgebung antibiotikaverseucht sind. Und voller antibiotikaresistenter Keime. In diese Gewässer hier möchte ich nicht einmal den großen Zeh hineinstecken.

Auch die Luft ist extrem in Mitleidenschaft gezogen: Da ist der Verkehr, da sind die vielen Feuer, der ärmeren Bevölkerungsschichten, die ihren Müll verbrennen und auf Feuer ihr Essen kochen. Wenn wir aus der Stadt am späten Abend mit dem Auto nach Hause fuhren, sah ich die Familien dort sitzen, am Rande der mehrspurigen Straße, an den flackernden Feuerchen, die Kessel mit dem Abendessen darauf. Hinter ihnen die Stände, an denen sie tagsüber je nach Jahreszeit und Festival Krams verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Neben ihnen die einfachem Holzpritschen, auf denen geschlafen wird, direkt an der Straße.

Neben diesen Feuern ist es auch die Industrie, die für extreme Luftverschmutzung sorgt. An manchen Tagen war die Luft schwer von Gummigeruch aus einer Reifenfabrik. An anderen sah ich, auf dem Spielplatz mit meiner Tochter, die schwarzen Rauchschwaden in der Ferne aus den Schornsteinen kommen und über den Himmel ziehen. Es gab Tage, an denen wir im Haus blieben, Fenster und Türen schlossen, versuchten flach zu atmen. Nicht wenige solcher Tage gab es.

Wie es der Erde geht in dieser Gegend, vermag ich nicht so recht zu sagen. Ich habe aber kein gutes Gefühl. Was ich sah sind viele wüstenähnliche Flächen, vermüllte Brachen, endlose Baustellen, sehr wenig Grün. Unser Campusgelände ist inzwischen fast schon ein Naturreservat, weil es , im Gegensatz zur Umgebung, zum Teil relativ ungestörte Flächen enthält, wo die Natur wachsen kann, wie sie will. Was ich noch wahrnahm ist Gemüse, das nach nicht viel schmeckt, karge Böden, die mit fruchtbarer Erde von anderswo angereichert werden müssen, damit etwas wächst. Durch ständig steigenden Bedarf und intensive Landwirtschaft sinkt der Grundwasserspiegel dramatisch schnell ab. Selbst wenn der Monsun gut ist, kann er das nicht wieder ausgleichen. Kraftvolle Natur gehört zu dem, was mir am meisten vermisst haben.

Das alles tut mir weh, in den Augen, in den Lungen, im Herzen. Und es ist auch ein wesentlicher Grund, warum wir Indien jetzt wieder verlassen haben. (Über den anderen wichtigen Grund berichte ich ein ander Mal.)

Wir können wieder gehen. Viele andere können es nicht. Wir können jetzt saubere Luft atmen, mit Kräutern und Gräsern des Schwarzwalds gewürzt. Aber da wiegt die Verantwortung nur um so schwerer. Denn Indien ist auch hier. Es sind lange unsichtbare Fäden, die vom Titisee zu den verseuchten Flüssen führen, von meinem Garten mit dem Mandelbaum zu den staubigen Straßen. Es ist nichts, was ich einfach vergessen könnte.

Das Weh bleibt. 

6 Gedanken zu „Warum wir gegangen sind. Notizen aus dem Dazwischen IV.“

  1. wie priveligiert wir hier leben und unsere Kinder hier aufwachsen
    mich berühren Deine Worte Anka
    der Schmerz ist spürbar und die Verbindung, die dünnen Fäden vom Titisee nach Indien auch
    danke

    1. Lieben Dank…ja diese Privilegien sind wirklich unfassbar. Und es geht eine Verantwortung damit einher, mit der ich aber auch nicht immer weiß wie umgehen.

  2. Wie schnell verliert man doch in unserem deutschen Alltag das Gespür wieder achtsam zu sein.
    Bei uns ist alles sofort und immer verfügbar. Frische Luft, frische Lebensmittel.
    Gut, dass es deinen Blog gibt, um wieder wachgerüttelt zu werden. Danke

    Liebe Grüße Annette

  3. Uh dieser Text. Er beschreibt ziemlich genau meine Gefühle als ich vor nun 8 Jahren aus Westafrika zurück kam wo ich 1 Jahr gelebt hatte. Dieselben Fragen … ich brauchte lange um mich hier wieder wohlzufühlen ohne dass diese Gefühle (..schlechtes Gewissen?) alles überschatteten. Lösungen für diese Verantwortung habe ich nur kleine.. Teilweise. umso brennender interessiert es mich dann, wie deine Lösungen/Antworten ausfallen wie wir eigentlich damit umgehen können, zu WISSEN (wir haben es gespürt, gerochen, erlebt..) wie das Leben auch sein kann, in mitten von Abfall etc und auch so nah am Tod. ständig und auch die Kinder. Ich warte gespannt auf deine weiteren Texte, sie helfen mir meine eignen Gedanken zu ordnen. Danke

    1. Lieben Dank für Deinen Kommentar. Ja, eine große Antwort habe ich auch nicht, auch ich habe nur kleine. Ich versuche, diese andere Welt wach zu halten, in meinem Herzen, und auch im Gespräch, sie sichtbar zu machen für andere. Mitgefühl ist schon viel, und das Reflektieren unserer Privilegien, das Zurücknehmen unseres so ausbeuterischen Lebensstils. Und dann auch einfach das Teilen dessen, was wir haben, das Unterstützen von Organisationen, die vor Ort an Verbesserung arbeiten. Und schließlich glaube ich auch wir müssen lauter werden, uns politisch engagieren, obwohl ich das nie vorhatte.

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