Eine Postkarte an Simone de Beauvoir. Aus dem silbernen Notizbuch

Dass ich Ende August in Avignon war, habe ich schon erwähnt. Ich war für eine Konferenz dort, mit Mann und Kind und irgendwie auch mit Simone de Beauvoir und es war wunderbar.

Am Abend der Ankunft war ich kurz davor, alles zu bereuen – die lange Reise, der Stress, das viele Gepäck, der Zug um Stunden verspätet, gerade so noch ein Taxi zu kriegen das uns zum Glück auch ohne Kindersitz mitnahm. Und nur vier Tage hier, bevor wir die Rückreise nach Indien antreten würden.

Aber schon am nächsten Morgen bereute ich es nicht mehr, nicht eine Sekunde, als ich mir, nach Croissant und Milchkaffee in einem herrlich schönen Café das Mädchen auf den Rücken schnallte und zu einer Ausstellung spazierte. Was für eine Freiheit, zu Fuß unterwegs zu sein, überallhin gehen zu können auf den eigenen Beinen und jedem geradewegs in die Augen zu sehen. Seit ich in Indien weiß ich, dass das nicht selbstverständlich ist. Das hat mit der Stadt zu tun, in der ich lebe, aber auch mit der Tatsache, dass ich eine Frau bin.

Im Café sitzend, mit der Besitzerin über den Mistral plaudernd, dachte ich an die Beauvoir, die so gerne im Café schrieb, wie ich es tue, und an das erste ihrer Bücher, das ich von ihr las.

Simone de Beauvoirs Memoiren einer Tochter aus gutem Hause bekam ich zum 16. Geburtstag von meiner Mutter. Das Buch kam per Post, denn ich war nicht zu Hause, sondern in Canada, wo ich für einige Monate zur Schule ging. Ich wusste erstmal nichts damit anzufangen. Gelesen habe ich es damals nicht, erst einige Jahre später nahm ich es zur Hand, las es dann aber mit großer Freude.

Was mich vor allem beeindruckte, waren die Wanderungen der Beauvoir im Luberon. Sie war irgendwie in eine Sackgasse geraten in ihrem Leben, wusste nicht mehr weiter. Hatte es mit Sartre zu tun? Ich weiß es nicht mehr. Wie gerne würde ich jetzt gerade die genaue Schilderung nachschlagen, aber das Buch ist mit fast allen meinen Büchern eingelagert in einer Halle im Schwarzwald.

Jedenfalls fuhr sie nach Südfrankreich um zu wandern. Ganz alleine, ohne jegliche Ausrüstung, mit Segeltuchschuhen und Tasche machte sie sich auf den Weg. Ich glaube sie schlief sogar unter freiem Himmel. Sie wanderte sich frei.

Diese Wanderungen der Beauvoir hatte ich im Kopf, als ich mich, gerade mal 20 Jahre alt, selbst auf den Weg machte um zu wandern. Wenige Tage zuvor hatte mein Leben die bis dahin größte Wendung genommen, denn der wichtigste Mensch in meinem Leben, mit dem mich eine große und tiefe Liebe verband, war gestorben.

Ich packte meinen Rucksack und meine Stiefel und fuhr an die Nordsee. Im Februar, bei Regen und Kälte wanderte ich am Meer entlang. Leere Tage mit mir alleine, nach Tagen, die so dicht waren und so nah voll Tod und Liebe.

An einem Nachmittag wanderte ich durch die Dünen, es war trocken und erstaunlich warm. Niemand außer mir unterwegs. Ich legte mich dort ins Dünengras, in den Sand, der Himmel über mir weit. Ich war frei und geborgen und ich weiß nicht woher die tiefe Stille kam, aus der Landschaft oder aus mir. In den Himmel schauend fühlte ich wie relativ der Tod ist. Wie wenig der Tod der Liebe anhaben kann. In den Himmel schauend schlief ich ein.

Im Cafe in Avignon schreibe ich der Beauvoir eine Postkarte: Liebe Simone! Ich grüße Sie aus Avignon! Wissen Sie, dass mich, mehr vielleicht als alles was sie schrieben, ihre Wanderungen inspiriert haben? Wissen Sie, dass ich Ihnen ein Nickerchen im Dünengras verdanke, das ich nie vergessen werde? Herzlichst, Ihre A.

Manchmal wiegen Handlungen schwerer als viele Bücher.

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